11.10.2026
Wir brachen heute um 8.30 auf Richtung Wagendrischelhorn. Die Sonne kämpfte sich allmählich durch den Nebel. Die Geländestruktur war ähnlich wie gestern: erst ein ebenes Stück Richtung Südwesten, dann Anstieg Richtung Süden. Zuerst hatte es weniger Schnee als gestern, aber ab etwa 1700 m tauchten ganze Abschnitte geschlossener Schneedecken auf. Am Sattel angekommen tat sich eine völlig neue Aussicht auf: Das Häuselhorn, eine schöne Zipfelmützenspitze, links daneben das Wagendrischelhorn. Beim Zurückblicken konnten man, noch halb im Nebel, den Großen Bruder erkennen. Unser Weg war die Nr. 473, die „Rossgasse“. Nachdem wir uns über etliche Schneefelder von Felsblock zu Felsblock gehangelt hatten, kreierten wir einen Begriff für diese neue Sportart: Stonehopping! Die Sonne war jetzt ganz durchgedrungen, das Suchen des besten Wegs zwischen Felsen und bis zu knietiefem Schnee wurde eher noch anspruchsvoller: Spreizen, Springen, Tasten, Markierungen und Umgehungen suchen, sich gegenseitig die Hand hinstrecken, um in dem riesigen offenen Kessel immer weiter Richtung Süden weiterzukommen. Auf 1800 m kam wieder stärkerer Wind auf wie in einem Kanal. War das Gelände felsdurchsetzter Schnee oder schneedurchsetzter Fels? Es kamen teilweise schon auch Gedanken daran auf, ob es besser wäre, umzukehren, bevor es noch gefährlicher würde, aber die meisten waren optimistisch und ließen sich nicht verunsichern. Es gab im Verlauf eine Rinne hinaufzugehen, wo man sich entscheiden musste: eher weiter rechts über den Felsrücken oder weiter links durch den Schnee. Teilweise hangelten wir uns an den Randklüften von herausschauenden Felsblöcken entlang. Es war schon etwas abenteuerlich. Es folgten einige recht windige Kletterpassagen, teils über Simse mit Festhalten am Grat, dann wieder vorsichtige Schritte über Schneefelder, von denen wir nicht wussten, wie tief man einsinkt. Um viertel nach 12 hatten wir ein schönes Plateau mitten in der zerklüfteten Landschaft gefunden, was ideal für eine Mittagspause war.
Eine halbe Stunde vorher hatten wir unmerklich eine Abzweigung auf einen schmaleren Pfad schräg links genommen (472). Um aufs Wagendrischelhorn zu gelangen, hätten wir uns aber weiter rechts halten müssen, was uns nun erst richtig klar wurde. Jetzt noch rechts hinüberzusteigen hätte uns nach unserer Schnee-Fels-Odyssee zu viel Zeit gekostet, so behielten wir unsere Richtung bei und lobten uns selbst als neues Ziel das Rosskarjoch (2054 m) aus, das wir um 13.15 erreichten. Im Südwesten türmte sich in einiger Entfernung beeindruckend das Wagendrischelhorn auf, links daneben das verwegen aufragende Stadelhorn. Die Aussicht war gigantisch, noch dazu die mystisch anmutende Inversionslage Richtung Osten mit einigen daraus hervorschauenden Spitzen. Der Hochkalter war zu sehen, ebenso eine Spitze des Watzmanns.
20 min später gingen wir weiter ein Stückchen Richtung Osten, nahmen in einer Schleife noch den Reiter Steinberg mit, dann zurück zum Wegkreuz Richtung Norden über die Steinberggasse zurück, Das Gelände hier war ähnlich wie beim Aufstieg, aber schon mehr vorgespurt und etwas weniger heikel. Erst im letzten Drittel kamen wir aus dem zerfurchten Felsgelände wieder auf einen Weg durch Almwiesen, was wir als sehr erholsam empfanden. Um 16.30 waren wir zurück an der Hütte und konnten auf der Terrasse noch einige Sonnenstrahlen genießen. Als wir dem Hüttenwirt von unserer Tour erzählten, sagte der ganz lapidar: „Das hätte ich euch sagen können. Ich habe allen, die mich gefragt haben, abgeraten.“