Letzte Bergtour der Saison: Auf der Reiteralpe

09.10.2025

Diesmal fuhren wir mit dem Zug, was ebenso idealistisch wie abenteuerlich war. Fünfmal umsteigen: München, Freilassing, Bad Reichenhall, Berchtesgaden, Wimbachbrücke (Bus) und schließlich per Rufbus „Watzmobil“ in zwei Fuhren bis zum Parkplatz Schwarzbachwacht. Von dort starteten wir auf dem Weg Nr. 470, dem „Wachterlsteig“ bei leichtem Nieselregen und dichtem Nebel Richtung Neue Traunsteiner Hütte. Wir, das waren Sabine, Michael, Dietmar, Petra, Iwona, Irina und Annette. 750 Höhenmeter waren zu bewältigen. Unser Steig führte uns bald steil durch lichten, dann dichteren Wald mit alten Zirben, landschaftlich war es sehr schön. Nach einer Stunde bzw. 400 hm holten wir Peter und Norbert ein, die separat gefahren und vor uns losgelaufen waren. Ab hier teilten wir uns und setzten den Aufstieg in zwei Gruppen fort.

Im Verlauf wurde das Gelände wieder flacher, wir verfolgten durch abwechslungsreiche Landschaft einen schmalen Pfad, das Wetter wurde wieder ungemütlicher bei etwa 10 Grad. Im letzten Drittel gab es zunehmend Schneefelder, die Route führte durch einen kleinen Kessel, um uns welliges Hochland. Kurz vor unserem Ziel entdeckten wir erstaunt ein Schild, das auf Frankenwein in der Hütte hinwies. Dort trafen wir bei tiefem Nebel um 16.50 ein. Der Wirt war ein sehr jovialer Franke, so erklärte sich auch das Schild. Katrin und Moni stießen auch bald dazu; sie waren extra gereist. Um 18.15 setzte die Dämmerung ein und wir warteten bange auf die anderen. Sie trafen schließlich um 19 Uhr ein, Peter war abgestiegen. Erleichtert genossen wir das Abendessen und die gemütliche Stube. Wir hatten zwei Zimmerlager für uns. Dort war es richtig kalt. Wir verbrachten die Nacht in dicken Klamotten und in je zwei Decken eingepackt. 

10.10.2025

Um 7.30 frühstückten wir. Das Wetter hatte sich gebessert, wir hatten einen Mix aus Sonne und bedecktem Himmel bei etwa 15 Grad. Vor 9 Tagen hatte es hier kräftig geschneit und war teils schon wieder geschmolzen. Heute war der Edelweißlahnerkopf unser leichtes Tagesziel: 400 hm bergauf. Um 9.30 begaben wir uns auf den Weg 474, Richtung Südost erst über Almwiesen mit deutlich mehr Schneeanteil, der recht sulzig war. Erst ging es über die Hochebene, durch lockeren Baumbestand, dann zunehmend steilere Passagen, Felsstufen, Karstgelände, teils von Erosionsrinnen durchsetzt, der Pfad schlängelte sich hinauf und hinunter. Die Alpenflora bestand vorwiegend aus hohen und flachen Latschenkiefern, Heidelbeersträuchern, Alpenrosen, Gräsern und solitär stehenden Lärchen. Durch die Schneeauflagen mussten wir sehr auf rutschige Passagen achtgeben; die Stöcke waren sehr hilfreich. Wir wanderten über zerklüftete Felsrücken, jeder Schritt anders, meist wegloses, gut markiertes Gelände. Auch kleine Kraxelpassagen fehlten nicht. Die Stimmung in der Gruppe war gut. Um 12 Uhr rasteten wir in einer Senke. Der Gipfel des Edelweißlahnerkopfs war schon sichtbar und schien noch recht weit entfernt. Nach Fortsetzen unserer Route waren wir bald am Sattel; links begann der Gipfelanstieg durch niedrige Latschen.

Um 12.45 hatten wir den Gipfel erreicht (1953 m). Auf einer Seite des Grats stiegen Nebel auf, auf der anderen Seite im Westen war blauer Himmel. Wir hatten wegen des Schnees gute 3 Stunden gebraucht. Als wir den Abstieg auf dem gleichen Weg angingen, hatte die Sonne die Vormachtstellung übernommen. Auch den Rückweg genossen wir. Es gab einige Ausrutscher, aber es passierte nichts. Um 16 Uhr hatte uns die Hütte wieder, wir belohnten uns mit Kaffee und Kuchen. Für heute war ursprünglich noch der Große Bruder geplant, aber das wäre zu viel geworden.

11.10.2026

Wir brachen heute um 8.30 auf Richtung Wagendrischelhorn. Die Sonne kämpfte sich allmählich durch den Nebel. Die Geländestruktur war ähnlich wie gestern: erst ein ebenes Stück Richtung Südwesten, dann Anstieg Richtung Süden. Zuerst hatte es weniger Schnee als gestern, aber ab etwa 1700 m tauchten ganze Abschnitte geschlossener Schneedecken auf. Am Sattel angekommen tat sich eine völlig neue Aussicht auf: Das Häuselhorn, eine schöne Zipfelmützenspitze, links daneben das Wagendrischelhorn. Beim Zurückblicken konnten man, noch halb im Nebel, den Großen Bruder erkennen. Unser Weg war die Nr. 473, die „Rossgasse“. Nachdem wir uns über etliche Schneefelder von Felsblock zu Felsblock gehangelt hatten, kreierten wir einen Begriff für diese neue Sportart: Stonehopping! Die Sonne war jetzt ganz durchgedrungen, das Suchen des besten Wegs zwischen Felsen und bis zu knietiefem Schnee wurde eher noch anspruchsvoller: Spreizen, Springen, Tasten, Markierungen und Umgehungen suchen, sich gegenseitig die Hand hinstrecken, um in dem riesigen offenen Kessel immer weiter Richtung Süden weiterzukommen. Auf 1800 m kam wieder stärkerer Wind auf wie in einem Kanal. War das Gelände felsdurchsetzter Schnee oder schneedurchsetzter Fels? Es kamen teilweise schon auch Gedanken daran auf, ob es besser wäre, umzukehren, bevor es noch gefährlicher würde, aber die meisten waren optimistisch und ließen sich nicht verunsichern. Es gab im Verlauf eine Rinne hinaufzugehen, wo man sich entscheiden musste: eher weiter rechts über den Felsrücken oder weiter links durch den Schnee. Teilweise hangelten wir uns an den Randklüften von herausschauenden Felsblöcken entlang. Es war schon etwas abenteuerlich. Es folgten einige recht windige Kletterpassagen, teils über Simse mit Festhalten am Grat, dann wieder vorsichtige Schritte über Schneefelder, von denen wir nicht wussten, wie tief man einsinkt. Um viertel nach 12 hatten wir ein schönes Plateau mitten in der zerklüfteten Landschaft gefunden, was ideal für eine Mittagspause war. 

Eine halbe Stunde vorher hatten wir unmerklich eine Abzweigung auf einen schmaleren Pfad schräg links genommen (472). Um aufs Wagendrischelhorn zu gelangen, hätten wir uns aber weiter rechts halten müssen, was uns nun erst richtig klar wurde. Jetzt noch rechts hinüberzusteigen hätte uns nach unserer Schnee-Fels-Odyssee zu viel Zeit gekostet, so behielten wir unsere Richtung bei und lobten uns selbst als neues Ziel das Rosskarjoch (2054 m) aus, das wir um 13.15 erreichten. Im Südwesten türmte sich in einiger Entfernung beeindruckend das Wagendrischelhorn auf, links daneben das verwegen aufragende Stadelhorn. Die Aussicht war gigantisch, noch dazu die mystisch anmutende Inversionslage Richtung Osten mit einigen daraus hervorschauenden Spitzen. Der Hochkalter war zu sehen, ebenso eine Spitze des Watzmanns.

20 min später gingen wir weiter ein Stückchen Richtung Osten, nahmen in einer Schleife noch den Reiter Steinberg mit, dann zurück zum Wegkreuz Richtung Norden über die Steinberggasse zurück, Das Gelände hier war ähnlich wie beim Aufstieg, aber schon mehr vorgespurt und etwas weniger heikel. Erst im letzten Drittel kamen wir aus dem zerfurchten Felsgelände wieder auf einen Weg durch Almwiesen, was wir als sehr erholsam empfanden. Um 16.30 waren wir zurück an der Hütte und konnten auf der Terrasse noch einige Sonnenstrahlen genießen. Als wir dem Hüttenwirt von unserer Tour erzählten, sagte der ganz lapidar: „Das hätte ich euch sagen können. Ich habe allen, die mich gefragt haben, abgeraten.“

 

12.10 2025

Um 8.30 begannen wir den Abstieg von der Neuen Traunsteiner Hütte, diesmal über die 470 Richtung Norden. Da zwei von uns wieder über den Wachterlsteig hinuntergingen, waren wir in reduzierter Besetzung. Es herrschte noch Nebel, die Sonne war aber schon dabei, ihn zu durchdringen. Nach einer Viertelstunde konnten wir in der Nebelwand einen schwachen Regenbogen erkennen. Es ging ein Stück einen asphaltierten Weg entlang, da sich hier ein großer Truppenübungsplatz befindet. Wir kamen am Schrecksattel vorbei und folgten einem sich idyllisch durch den Wald schlängelnden Pfad immer weiter bergab bis zu einer Kreuzung, die wir nach etwa 1,5 Stunden erreichten. Von hier kann man weiter über die Forststraße absteigen oder über den Schrecksteig (474) nach Oberjettenberg gelangen. Letzuterer war natürlich landschaftlich viel attraktiver, mündete aber später wieder auf der Forststraße. Das letzte Stück der 474 führt eine halbe Stunde an der Landstraße entlang. Um 11.30 erreichten wir den Ortseingang von Oberjettenberg. Kurz vor 12 stießen wir auf die B 305, wo wir uns von Katrin und Moni verabschiedeten, die in der Nähe ihr Auto geparkt hatten. Wir überquerten die B 305 und marschierten geradeaus weiter auf einem geteerten Wanderweg nach Unterjettenberg. 12.45 an der Bushaltestelle längs der B 21 mussten wir am Aushang lesen, dass der Bus nach Bad Reichenhall nur alle 2 Stunden fuhr – wir hätten fast 2 Stunden hier warten müssen! So organisierte Michael uns telefonisch ein Sammeltaxi, das für 6 Personen 30 EUR kosten würde – das klang gut! Nur leider kam und kam es nicht. Nochmal nachgefragt erfuhren wir, dass es ein Missverständnis gegeben hatte und das Taxi erst wieder in einer Stunde verfügbar sein könnte. Ein langgezogenes „O Maaann!“ gab unsere Laune treffend wieder. Annette kam auf die Idee zu trampen, die anderen beobachteten das mitleidig lächelnd. Nach 5 min hielt eine nette junge Österreicherin an, die natürlich nicht alle mitnehmen konnte. So kam die nächste Gruppenteilung mit schmerzvollem Abschied: Sabine, Iwona und Annette wurden bis Reichenhall Bahnhof mitgenommen. So wurde zumindest für dieses Trio doch noch der Zug um 13.34 möglich und wir standen etwas vereinsamt am Bahnsteig. Dann geschah das Unglaubliche: 2 Minuten vor der Abfahrtszeit unseres Zuges tauchten auf einmal die anderen drei, Dietmar, Michael und Irina, auf - es gab großes Hallo und Gelächter! Sie hatten dann auch noch den Daumen rausgehalten und waren bald mitgenommen worden! Gutgelaunt traten wir die längere Heimfahrt miteinander an und landeten am Abend wieder glücklich in Nürnberg, 

Annette Kiesewetter