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Tief in den Französischen Alpen: Mont Aiguille (2087 m) und Barre des Ècrins (4102 m)

Der Mont Aiguille und die Barre des Écrins in den französischen Alpen sind häufig nur „Wetterflucht-Ziele“, wenn in den restlichen Alpen mal wieder wettermäßig suboptimale Bedingungen vorherrschen. Doch nicht nur deswegen handelt es sich um attraktive und interessante Gipfelziele.

Der gerade einmal 2087 m hohe Mont Aiguille in den Vercors-Alpen zwischen Grenoble und Sisteron besticht insbesondere durch seine originelle Form. Vom Gebirgsmassiv des Vercors etwas abgesetzt, steht er wie ein Plateauberg da: der Gipfel besteht aus einer mehrere Fußballfelder großen länglichen und flachen Wiese, die rings um von bis zu 300 Meter hohen Felswänden umrahmt ist. Für die Menschen der früheren Jahrhunderte war dieser reine Kletterberg daher unbesteigbar und wurde deshalb auch Mons Inaccessibilis genannt. Die originelle Form sowie die Unersteiglichkeit veranlassten aber König Karl VIII. der Freundliche im Jahr 1492 - Kolumbus entdeckt gerade Amerika - seine Besteigung zu beauftragen. Diese gelang dann auch am 26. Juni 1492, wodurch der Mont Aiguille alpinhistorische Bedeutung erlangte, da diese frühe Erstbesteigung eines so schwierigen Berges zu den Geburtsstunden des Alpinismus zählt.

Erwähnenswert sind die Umstände der Erstbesteigung, da es sich gewissermaßen um eine kleine Expedition handelte: mehr als zehn Personen (darunter zwei Priester und ein Notar) erreichten den Gipfel und bauten dort eine Hütte. Für den Aufstieg verwendete man u.a. Leitern. Während des sechstägigen Gipfelaufenthalts ließen sich die Erstbesteiger vom einfachen Volk und Mitgliedern des eigens alarmierten Parlaments in Grenoble vom Tal aus huldigen.

Auch wenn der Söldnerführer Antoine de Ville, der Anführer dieser Expedition, im Auftrag - statt aus eigener Lust einen Berg zu besteigen - handelte und daher sicher nicht uneingeschränkt als Alpinist angesehen werden kann, so weist sein Bericht über die Erstbesteigung doch bereits die auch heute weit verbreitete Dramaturgie eines Berichts eines Alpinists auf: 1. die Tour war „sackschwer“ („Es ist der fürchterlichste und grauenerregendste Weg, den ich oder ein Mitglied unserer Gesellschaft je beschritten.“) und 2. ist am Gipfel natürlich wieder „ois easy“ („… aber der Gipfel ist der herrlichste Ort, den man sich denken kann.“). Und auch bei der zweiten bekannten Besteigung, die erst 342 Jahre später im Jahr 1834 gelang, erfolgte diese nicht aufgrund der puren Lust, einen Berg zu besteigen: der Schäfer Jean Liotard suchte vermutlich seine abhanden gekommenen Lämmer und gelangte so bis zum Gipfelplateau.

Dagegen war bei den Erstbesteigern der Barre des Écrins die Lust einen Berg einfach so zu besteigen wohl unzweifelhaft vorhanden. Denn die Erstbesteigung erfolgte in der Zeit des klassischen Alpinismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am 25. Juni 1864 durch die bekannten Engländer Edward Whymper, Horace Walker und Adolphus Warburton Moore, die oft monatelang durch die Alpen zogen, nur um Berge zu besteigen. Begleitet bzw. geführt wurden sie dabei von den berühmten Bergführern Michel Croz und Christian Almer.

Die Barre des Écrins ist mit einer Höhe von 4102 m, die sie zum südlichsten der westlichen Viertausender der Alpen macht, insbesondere für Viertausender-Sammler interessant. Aus der Ferne, insbesondere von Norden, steht sie mit ihrer ca. 800 m hohen steilen Nordflanke (Normalweg) über dem nahezu waagerechten und ebenen Glacier Blanc wie eine weiße Scheibe da. Von Süden ist die Barre des Écrins überwiegend ein Felsberg. Die Südseite hat mit dem Südpfeiler einen Pause-Extrem-Klassiker (UIAA 5+) und weitere interessante anspruchsvolle Kombitouren im AD-Level (Südwand und diverse Couloirs), die - wie so häufig hier - von den Nord- und Ostalpen-Bergsteigern sträflich vernachlässigt werden. Und wer an Speed-Besteigungen Gefallen findet, kann sich hier verwirklichen oder auch verzweifeln: der Rekord für den Aufstieg vom Parkplatz bei Pré de Madame Carle bis zum Gipfel soll bei 1:55 Stunden und für den Auf- und Abstieg bei 2:55 Stunden (Ski-Besteigung) liegen. Wir haben für die gut 2300 Höhenmeter und rund 10 km (einfache Strecke), über zwei Tage verteilt, fast 15 Stunden benötigt, was normal ist!

Mont Aiguille

Auch wir haben – wie so häufig in den letzten Jahren – die Wetterflucht aus dem Wallis angetreten. Hinter Albertville hörte aber endlich der strömende Regen auf und wir erreichten schließlich das etwas verschlafende Nest Chichilianne in den Vercors-Alpen. Eigentlich hätte man von hier den Mont Aiguille schon eindrucksvoll sehen müssen, aber oberhalb von 1500 Metern war alles in Wolken gehüllt. Aufgrund des wieder mal ungeplanten Gipfels haben wir im Tourismusbüro eine Wanderkarte besorgt. Dazu haben wir dann noch eine Kopie des Topos des Normalwegs auf den Mont Aiguille erhalten, da dem Tourismusbüro alle Kletterführer ausgegangen waren. So gerüstet erreichten wir schließlich – angelockt von den sehr schönen Bildern vom Spa-Bereich im Internet – die Herberge im Weiler Richardière, den Startpunkt für den Anstieg zum Mont Aiguille, in der wir Quartier bezogen. Das Abendessen war wie meistens im Süden 1a, das Frühstück so lala und das Zimmer hatte wohlwollend beschrieben „morbiden Charme“ – aber wir waren ja zum Bergsteigen da.

Am nächsten Morgen war es immer noch stark bewölkt und der Mont Aiguille nicht zu sehen. Der Anstieg führte uns anfänglich durch Mischwald über 600 Höhenmeter zum Einstieg des Normalwegs, der durch einen riesigen Haken (ehemalige Drahtseilversicherung) markiert ist. Schnell seilten wir uns an und stiegen die ersten Seillängen hoch. Der eher geringe Schwierigkeitsgrad (Stellen bis maximal UIAA 3), die vereinzelten Bohrhaken und die abschnittsweise noch vorhandenen alten Drahtseile haben den Anstieg zu einer stressfreien Tour gemacht, so dass wir zwischendurch auch ohne Sicherung aufgestiegen sind. Die letzten drei Seillängen führten durch eine Kaminrinne, in der man dann doch noch die Hände benutzen musste. Auf der Hochfläche angekommen wendet man sich nach links, um den höchsten Punkt zu erreichen. Wir folgten dazu einfach dem Trampelpfad, der sich im Nebel verlor. Auch am Gipfel war das Wetter nicht viel besser. Nur alle 10 Minuten konnte man durch ein Wolkenloch etwas von der Umgebung erkennen. Etwas enttäuscht vom Wetter, aber zufrieden einen so interessanten und unersteiglichen Gipfel erreicht zu haben, traten wir schließlich den Rückweg an, um am Beginn des Abstiegs auf eine kleine Gruppe von Steinböcken zu treffen – auch unersteiglich scheint relativ zu sein. Die Erstersteiger trafen dagegen auf ein Gemsrudel, von dem Antoine de Ville folgende kuriose Einschätzung „… wir trafen hierauf ein stattliches Gemsrudel, das von hier nie wegkommen kann…“ und einer der Zeit entsprechende Rechtfertigung „… mit Kitzen vom heurigen Wurf, deren wir eines getötet haben, und zwar versehentlich, denn mit Absicht hätten wir uns an keinem vergriffen, ehe wir wussten, wie der König darüber denkt.“ berichtete.

Der Abstieg bewegte sich meist im steilen Schrofengelände bis UIAA 2. Ziemlich am Ende muss man jedoch eine mauerglatte und senkrechte Wand über gut 45 Meter abseilen. Abends war der Mont Aiguille immer noch in Wolken gehüllt und langsam kamen Zweifel auf, ob wir den Berg in diesem Urlaub mal vollständig zu Gesicht bekommen würden.

Da half es auch nicht, dass wir am nächsten Morgen die Weiterfahrt in die Dauphiné hinauszögerten. Zwar wurde das Wetter etwas besser, aber der Mont Aiguille wollte sich uns einfach nicht in voller Pracht zeigen. Für die Urlaubserinnerungen musste ich mir daher ein Bild aus dem Internet herunterladen.

Barre des Ècrins

Auf der Fahrt in die Dauphiné verbesserte sich das Wetter dann erfreulicherweise zusehends und ließ uns hoffen, dass wir noch eine schöne Hochtour zum Abschluss des Urlaubs machen können. Ausgangspunkt für die Barre des Écrins war der Parkplatz bei Pré de Madame Carle (1874 m) am Ende des Vallée de Vallouise. Nun schon zum dritten Mal in der Dauphiné, stiegen wir den uns bekannten sonnigen Weg in Richtung Refuge du Glacier Blanc (2542 m) und weiter zum Refuge des Écrins (3170 m) hoch, wo wir übernachteten. Etwas nach dem Refuge du Glacier Blanc wird normalerweise der Glacier Blanc betreten. Allerdings war der Glacier Blanc dieses Jahr im Gegensatz zu unseren Besuchen in den letzten Jahren anfangs derart ausgeapert und spaltig, dass die Mehrzahl der Bergsteiger über die – neuerdings markierte – Route rechts vom Gletscher aufgestiegen sind. Erst weiter oben wird nunmehr der ebene Gletscher betreten. Die letzte Viertelstunde vom Gletscher zur Hütte war dann nochmal ein giftiger Anstieg durch einen Geröllhang. Die meisten Bergsteiger deponierten daher am nächsten Morgen ihre für die Besteigung der Barre des Écrins nicht erforderlichen Sachen nicht wie üblich auf der Hütte, sondern direkt am Gletscher, um sich beim Rückweg den Gegenanstieg zu sparen. Die Hütte wird freundlich und routiniert geführt und ist meistens sehr gut besucht.

Am nächsten Morgen setzte sich Westalpen-typisch der Lindwurm der Stirnlampen in Gang. Der Beginn ist aber recht angenehm, da nach dem Abstieg zum Glacier Blanc, diesem ohne merklichen Höhengewinn noch ca. eine knappe Stunde bis zur Nordflanke der Barre des Écrins gefolgt wird. Dann aber war das gemütliche Gletscherwandern abrupt zu Ende: ab hier wird die steile Nordflanke bis zur Brèche Lory (3974 m) erstiegen. Diese ist zwar mit durchschnittlich ca. 30 Grad nicht furchterregend steil und in der Regel gut gespurt, aber zum Puls hochtreiben reichte uns das allemal. Dass auch dieser Anstieg – trotz des regen Besuchs – seine Gefahren birgt, zeigte sich bei dem Lawinenunglück mit acht Bergsteigern nur vier Wochen später (Mitte September), das für sieben von ihnen tragisch endete!

Während der Anstieg zur Brèche Lory im sich immer weiter auseinanderziehenden Lindwurm erfolgte, ist der Schlussanstieg zur Barre des Écrins meist weit weniger besucht, da die meisten Bergsteiger sich mit dem leichteren und schneller erreichbaren Schneegipfel des Dôme de Neige (4015 m) begnügen. Der Schlussanstieg ab der Brèche Lory ist aber das Schmankerl der Tour. Im leichten kombinierten Gelände (PD+) der Gratschneide geht es zum Gipfel, bei uns allerdings mit starkem und kaltem Wind und gelegentlichen Schneefahnen, die über die oberste Nordflanke und den Grat zogen. Glücklicherweise kam am Gipfel zum strahlenden Sonnenschein dann noch abnehmender Wind und damit etwas Wärme dazu, so dass wir dort angenehm verweilen konnten. Die Aussicht nach Süden mit den direkt gegenüberliegenden düsteren 1000-Meter-Nordwänden des Mont Pelvoux (3946 m), Pic Sans Nom (3913 m) und Ailefroide (3954 m) war tadellos, während von den Viertausendern im Norden lediglich der Montblanc aus dem Wolkenmeer hervorschaute. Und weit im Westen zeigte sich dann doch noch der Berg, der sich bei uns in den Wolken versteckte: im leichten Dunst konnte man ein helles Felsband erkennen – die Felsumrahmung des Mont Aiguille.

Gipfelpanorama

Tourinfos

 

Mont Aiguille

Barre des Écrins

Höhe

2087 m

4102 m

Lage

Vercors-Alpen

Dauphiné

Talort

Chichilianne

Vallouise

Schwierigkeit

bis UIAA 3

PD+

Zeiten

Weiler Richardière – Col de l’Aupet – Einstieg: 1,5 - 2 Stunden, ca. 600 Höhenmeter

Kletterführe: 1 - 3 Stunden, ca. 250 Höhenmeter (zzgl. ¼ Stunde zum Gipfel)

Abstieg zum Einstieg: 1,5 Stunde

Einstieg – Weiler Richardière: 1 - 1,5 Stunden

Pré de Madame Carle – Refuge des Écrins: 3 - 4 Stunden, 1200 Höhenmeter

Refuge des Écrins – Brèche Lory: 3 - 4 Stunden, ca. 1000 Höhenmeter

Brèche Lory – Barre des Écrins: 1 - 1,5 Stunden, 150 Höhenmeter

Abstieg: 5 - 6 Stunden

Charakter

Leichte (bis UIAA 3) und wenig ausgesetzte Klettertour (ca. 8 Seillängen + seilfreie Strecken) auf einen markanten Berg. Zum Teil Bohrhaken und alte Drahtseilversicherungen vorhanden.

Abstieg im Kletter- und Schrofengelände sowie an eingerichteten Abseilstellen (bis zu 45 Meter und steil).

Klassische 2-Tages-Hochtour über einen nicht zu unterschätzenden steilen Gletscher (Lawinengefahr beachten) sowie einen kombinierten und z.T. ausgesetzten Grat auf den südlichsten Viertausender der Alpen.

Abstieg wie Aufstieg; am Grat eine kurze Abseilstelle.

Literatur

Französisch-sprachige Kletterführer über die Wände des Vercors sind vielfältig vorhanden.

Der Normalweg auf den Mont Aiguille ist zudem in französisch-sprachigen Kletterauswahlführern enthalten, z.B. Philippe Brass: „6a Max Dauphiné“.

Im Internet sind ein paar deutsch-sprachige Berichte (z.T. mit Topos) zum Mont Aiguille zu finden.

Umfassende deutschsprachige Führerliteratur über die Dauphiné ist praktisch nicht vorhanden bzw. vergriffen.

Die Barre des Écrins ist in den einschlägigen Auswahlführern allerdings regelmäßig enthalten.

Daneben gibt es einen sehr informativen, kleinen Führer, der 7 Anstiege auf die Barre des Écrins sowie den Dôme de Neige anhand von vielen Detailbildern sehr anschaulich beschreibt: Jean-Rene Minelli: „Écrins 4102 m. 7 voies pour le Dôme et la Barre“ (erhältlich in Französisch und Englisch).

 

Text: Stephan Mertens

Bilder: Stephan Mertens und

Bernd Hetzel