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Grande Casse (3855 m) – höchster Gipfel der unbekannten Vanoise

Der Sommer 2014, insbesondere der August, war für Hochtourengeher wettertechnisch eher eine Katastrophe. Anspruchsvolle kombinierte Touren waren für Normalbergsteiger häufig nicht machbar oder waren gefühlt Winterbegehungen und leichtere Gletscherhatscher waren nicht selten nur mit Neuschnee-Spurarbeit möglich. Allerdings erschienen im späten August – was ungewöhnlich ist – in den einschlägigen Bergsteigerforen im Internet einige Tourenberichte über Eiswände wie z. B. Obergabelhorn Nordwand oder Lenzspitze Nordostwand, die man eher im Frühsommer unternimmt, da dann Blankeispassagen noch die Ausnahme bilden.

Ähnliche Verhältnisse hatten wir bei unserem Sommerurlaub Ende August / Anfang September 2014 in der eher wetterbegünstigten Vanoise mit dem höchsten Gipfel Grande Casse (3855 m). Natürlich will man immer den höchsten Berg der jeweils besuchten Gebirgsgruppe besteigen, die Grande Casse gilt aber als ausgesprochener Skialpinisten- bzw. Bergsteiger-Frühsommer-Gipfel, da auf dem Normalweg über den „Glacier des Grands Couloirs“ eine Flanke auf- und abzusteigen ist, die auf rund 400 Höhenmetern zwischen 40 und 45 Grad steil ist. Blankeis ist in diesem Fall für unerfahrene Bergsteiger ein „no-go“, weil sich die Schwierigkeiten da mal schnell von PD in Richtung AD erhöhen und für Skialpinisten definitiv ein „no-ski“. So hatten wir in unserem Sommerurlaub Ende August / Anfang September die Grande Casse gar nicht ernsthaft auf unserem Tourenplan. Nachdem sich aber die Wetterverhältnisse in diesem Sommer derart entwickelten und sogar Ende August mal ein Tourenbericht über eine Grande Casse Besteigung im Internet veröffentlicht wurde und dieser auch noch gute Verhältnisse versprach, war klar, dass wir die Grande Casse versuchen werden.

Unbekannte Vanoise

Die Vanoise liegt zwischen dem Montblanc-Gebiet im Norden und der Dauphiné im Süden. Im Nordosten geht sie in das Gran Paradiso-Gebiet (Grajische Alpen) über. Umschlossen wird sie von der Tarentaise und der Maurienne. Dies sind keine französischen Kräuterfrischkäsearten, sondern die Tallandschaften der Flüsse Isère und Arc, die die Vanoise im Norden und Süden begrenzen und ihr die Form eines Huhns geben, weshalb die Vanoise in Frankreich auch manchmal „la poule“ genannt wird. Die Vanoise besitzt neben der Grande Casse (übrigens auch eine Erstbesteigung von Michel Croz, der das Matterhorn sowie weitere westalpine Bergprominenzen erstbestiegen hat) noch weitere anspruchsvolle Gipfel wie den Mont Pourri (3779 m; PD+) und den Dent Parrachée (3697 m, PD), die in den Ostalpen zu den Top-Gipfeln zählen würden. Daneben findet sich hier der größte Plateaugletscher der Alpen, der den Dôme de Chassefôret (3586 m, F+) umgibt.

Wird die Dauphiné schon eher selten besucht, so wird die Vanoise von Bergsteigern aus dem deutschsprachigen Raum im Sommer geradezu gemieden. Allenfalls die „Tour de France-Streckennachradler“ ziehen hier durch die Täler. Vielleicht liegt das neben der weiten Entfernung zu Deutschland auch daran, dass hier sämtliche französische (Retorten-)Skigebiete zu finden sind, die man im Sommer nicht sehen will: Val d’Isère, Lac de Tignes, Les Arcs, Val Thorens, Méribel, Courchevel, Les Menuires. Diese liegen allerdings ausnahmslos an der Nordseite (Tarentaise) der Vanoise. Auf der Südseite (Maurienne) kann man dagegen noch „normal erschlossenes Gebirge“ erleben. So gesehen empfiehlt es sich daher das südlich die Vanoise begrenzende Tal der Arc, die Haute Maurienne, als Urlaubsziel zu wählen. Dies hat zudem den Vorteil, dass man auf der gegenüberliegenden, südöstlichen Talseite eine zweite, auch eher unbekannte und wenig besuchte Gebirgsgruppe, die südlichen Grajischen Alpen, kennenlernen kann. Dort befinden sich ebenfalls eindrucksvolle und hohe Gipfel, bei deren Namen man sich an Hobbite, Elben und Zwergenkönige aus „Herr der Ringe“ erinnert fühlt: Tsanteleina, Levanna, Uja di Ciamarella, Albaron, Charbonnel – alle zwischen 3602 m und 3752 m hoch!

Grande Casse

Grande Casse vom Westen mit Normalanstieg
Hüttenzustieg

Die Grande Casse – was wohl übersetzt Großer Schutt(haufen) bedeutet – geht man normalerweise vom Refuge du Col de la Vanoise (2515 m) an. Dieses kann man von Norden über die Ortschaft Pralognan-la-Vanoise (ca. 1500 m) oder von Süden über die Ortschaft Termignon (ca. 1300 m) erreichen. Während der Anstieg von Norden wesentlich kürzer ist und man ständig den vergletscherten Normalanstieg „Glacier des Grands Couloirs“ mit dem bis zu 45 Grad steilen Hang vor Augen hat, ist der Anstieg von Süden wesentlichen länger. Von Termignon (ca. 1300 m) fährt man auf einer geteerten und nicht (!) mautpflichtigen Almstraße bis zu dem kostenlosen (!) Parkplatz Bellecombe auf ca. 2300 m. Ab hier durchquert man ein riesiges Almgelände mit den geradezu hübschen Kühen der Vanoise. Die Maurienne gilt als ausgesprochenes Käseland! Leider muss man aber zwischendurch rund 300 Höhenmeter absteigen, wodurch sich der hohe Ausgangspunkt etwas relativiert. Auf dem Rückweg haben wir uns diesen Gegenanstieg erspart und mit der „Navette“, einem Kleinbus, den Weg zurück zum Auto verkürzt. Nach dem Almgelände ersteigt man einen kleinen Pass und quert die riesigen südseitigen Schutthalden der Grande Casse, um nach ca. 3,5 Stunden die Hütte – oder besser die Hütten – zu erreichen. Neben der alten Hütte aus Stein (geschlossen) und den wohl als Erweiterung/Provisorium errichteten Pavillons (geschlossen) gibt es seit 2014 eine moderne Hütte mit 148 Plätzen. Von der Hütte hat man zum ersten Mal Sicht auf den Normalanstieg „Glacier des Grands Couloirs“, der sich – wie immer in der Draufsicht – steiler aufbaut, als er tatsächlich ist. Die Hütte war nur von wenigen Bergsteigern und Wanderern besucht. Am nächsten Tag werden lediglich zwei weitere Seilschaften – bei guten Verhältnissen und besten Wetter – die Grande Casse mit uns angehen. Wo hat man das schon bei einem solch‘ imposanten (die Grande Casse überragt die näheren Gipfelnachbarn um rund 300 Meter) Hauptgipfel einer Gebirgsgruppe!

Anstiegsskizze

Der nächste Tag beginnt westalpin-früh, um 4:00 Uhr. In stockfinsterer Nacht und ohne die bei Modegipfeln übliche Perlenkette von Stirnlampen der weiteren Gipfelaspiranten suchen wir uns den Aufstieg über die Randmoräne des „Glacier des Grands Couloirs“ zu einer felsigen Stufe. Diese ist knapp 100 Höhenmeter hoch und mit einem Seil versichert, das insbesondere die Wegfindung in der Dunkelheit erleichtert. Danach beginnen die ersten Schneefelder und wir ziehen bei Tagesanbruch die Steigeisen an. Über immer wieder steilere Passagen und ohne jegliche Begehungsspuren erreichen wir schließlich den Bergschrund, der den Beginn des Steilhangs markiert. Der von der Hütte aus sichtbare weiße Steilhang stellt sich als äußerst hart gefrorener Schneehang heraus. Zwar haben wir kein Blankeis, aber in den Tagen davor sind wohl die Niederschläge auch in dieser Höhe als Regen heruntergekommen, so dass nach den kalten Nächten der Schnee hartgefroren war. Nachdem auch keine Steigspuren vorhanden waren, sind die Bergsteiger mit elastischen Knöcheln klar im Vorteil. In reinster Eckensteintechnik geht es in Serpentinen den Steilhang hinauf. Die Bergsteiger mit weniger elastischen Knöcheln aber strammen Wadeln praktizieren hier die Frontalzackentechnik. Nach vielen Serpentinen wird der Hang auf ca. 3.600 Meter schließlich wieder flacher und die Anspannung fällt langsam ab; ein Abrutschen an diesem Hang würde nur sehr schwer zu halten sein – andererseits hätte man „freie Bahn“ in das unter dem Steilhang befindliche flachere Gletscherbecken, so dass man bei einem Abrutschen nicht das Allerschlimmste befürchten musste. Je flacher der Hang wurde, desto stärker wurde allerdings der kalte Wind. Typisch für den Sommer 2014 waren die besten Tage häufig mit einer sehr unangenehmen kalten Höhenströmung verbunden, die hier am Ende der Grands Couloirs durch den Düseneffekt noch verstärkt wurde.

Aber bei einem so tollen Tag hat uns das auch nicht mehr aufgehalten. Über den blendend weißen Schneesattel zwischen Pointe Mathews (3783 m) und Grande Casse erreichen wir schließlich den leichten Gipfelgrat über der Nordwand der Grande Casse (die Petit Face Nord – bis ca. 50 Grad – sowie das Couloir Italiens – bis ca. 60 Grad – sind insbesondere für ambitionierte Skialpinisten beliebte Aufstiegsalternativen) und kurz danach den Gipfel. Nicht mehr ganz so windig und bei strahlend schönem und wolkenlosem Himmel breiten sich vor uns die gesamten Westalpen aus. Im Norden Montblanc und Walliser Alpen, im Osten die Grajischen Alpen, im Süden Monviso, die Vanoise und die Dauphiné sowie im Westen gar nicht so weit weg, der westlichste Gletscherberg der Alpen, der Pic de l’Étendard (3464 m).

Sattel zwischen Grande Casse und Point Mathews
Grande Casse 3855m

Gipfelpanorama

Abstieg

Die wohlverdiente Hüttenrast

der Abstieg verlangt dann nochmal höchste Konzentration im Steilhang. Am Bergschrund nach dem Steilhang können wir aber langsam in den Schlender-und-Trödel-Modus umschalten und erreichen schließlich gegen Mittag wieder das Refuge du Col de la Vanoise (2515 m) zur verdienten Hüttensuppe.

Tourinfos

Ausgangspunkt:

Parkplatz Bellecombe (ca. 2300 m), erreichbar über eine kleine Bergstraße von Termignon (ca. 1300 m) in der Haute Maurienne.

Schwierigkeiten:

Die Schwierigkeiten hängen sehr stark von den Verhältnissen ab, insbesondere davon wie aper oder verschneit der Steilhang des „Glacier des Grands Couloirs“ ist, der auch im Abstieg begangen wird (bis zu 45 Grad steil auf ca. 400 Höhenmetern; mögliche Gefahren: Blankeis, Lawinen, …). Meistens wird als Schwierigkeit PD angegeben. Meiner Ansicht nach kann bei widrigen Verhältnissen auch AD gerechtfertigt sein. Vor der Tour sollte man sich unbedingt nach den Verhältnissen erkundigen.

Zeiten und Höhenmeter:

Hüttenzustieg: Parkplatz Bellecombe (2300 m) – Refuge du Col de la Vanoise (2515 m): 3,5 Stunden / ca. 550 Höhenmeter
Gipfelaufstieg: Refuge du Col de la Vanoise (2515 m) – Grande Casse (3855 m): 4-5 Stunden / ca. 1400 Höhenmeter

Literatur:

Wie so häufig bei westalpinen Gebirgsgruppen ist umfassende deutschsprachige Hochtouren-Führerliteratur, sofern es sich nicht um Topgebiete wie Montblanc oder Gran Paradiso handelt, nicht vorhanden. Einzig der Rother Wanderführer „Vanoise“ behandelt das Gebiet, beinhaltet allerdings keine Hochtouren. Die Grande Casse ist aber in den einschlägigen Auswahlführern (z.B. Pause: Klassische Alpengipfel oder Gödecke: Die hohen 3000er der Alpen) als Einzelziel enthalten. Daneben gibt es oder gab es u.a. folgende französisch-sprachige Bücher:

  • ​Gaston Rebuffat: Le Massif de La Vanoise, Les 100 plus belles courses (für den Liebhaber alter antiquarischer Führerbildbände; aus der Reihe „Die 100 schönsten Touren“, die zum Teil auch auf Deutsch erschienen sind)
  • Patrick Col, Bernard Vion: Sommets de Vanoise, Les plus belles course facile (ausgesprochen schöner, aber leider – auch im Internet – vergriffener Führerbildband)
  • Patrick Col: Topo-Alpinisme, Vanoise Haute Maurienne (der m.A. beste am Markt erhältliche Wander-/Kletter-/Hochtourenführer; handliches Format; sämtliche Touren sind mit Bildern und eingezeichneten Routenverläufen illustriert, so dass auch des Französischen weniger kundige Bergsteiger gut zurecht kommen; umfasst neben der südlichen Vanoise auch die südlichen Grajischen Alpen. In der gleichen Buchreihe sind auch ein nicht minder gut gelungener Wanderführer und ein Kletterführer erhältlich).

Text und Bilder: Stephan Mertens