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Montagne des Agneaux (3664 m) – ein Aussichtsgipfel in der Dauphiné

Mont Pelvoux (3946 m); Pic Sans Nom (3913 m); Ailefroide (3954 m)

Die immer vernachlässigte Dauphiné

Die Dauphiné ist zwar jedem Bergsteiger bekannt, wegen der großen Entfernung (ca. 850 km von Fürth) und der sehr dürftigen deutschsprachigen Führerliteratur kennt man aber kaum Bergsteiger, die mal dort waren. Dies ist erstaunlich, da die Dauphiné als eine der wildesten Alpenregionen („Karakorum der Alpen“) gilt und der allgemein bekannte Bergsteigerspruch über den zweithöchsten Dauphiné-Gipfel Meije eindringlich einen Besuch nahelegt: „Wer die Meije nicht gesehen hat, hat die Alpen nicht gesehen. Und wer die Meije von Süden nicht gesehen hat, hat die Meije nicht gesehen.“

Dabei hat die Dauphiné einiges zu bieten: neben den bekannten Zielen Barre des Écrins (mit 4102 m der südlichste Alpen-Viertausender) und Meije (mit 3984 m einen der schwierigsten hohen Alpengipfel) noch ein Fülle von weiteren hohen und ziemlich ursprünglich gebliebenen Gipfeln. Dabei kommt insbesondere der Liebhaber von wenig erschlossenen und wenig begangenen kombinierten Hochtouren auf seine Kosten.Wohl am eindrucksvollsten und noch als bekannteste Gipfel sind hier die in einer Reihe stehenden Fast-Viertausender Ailefroide (3954 m), Pic Sans Nom (3913 m) und Mont Pelvoux (3946 m) zu nennen. Ihre gewaltigen ca. 1000 m hohen Nordwände stehen den Nordwänden des Argentière-Kessels in der Montblanc-Gruppe und den Lauterbrunner Nordwänden im Berner Oberland kaum nach und wären sicher auch dort ein bevorzugtes Postkartenmotiv. Nicht umsonst haben sich in der Dauphiné schon die alten „Granden“ des klassischen Bergsteigens verewigt, wie z. B. Ludwig Purtscheller und die Zsigmondy-Brüder, Angelo Dibona, Giusto Gervasutti und Lucien Devies, Gaston Rebuffat, René Desmaison, um nur einige zu nennen. Der mittlerweile antiquarische Pause-Klassiker „Im extremen Fels“ widmet sich sogar mit fünf von hundert Touren der Dauphiné! Daneben gibt es aber auch einige hohe Gipfel im Schwierigkeitsgrad F wie Le Râteau (3809 m; „der Rechen“, wegen seines gezackten Gipfelgrats), Grande Ruine (3765 m; entgegen dem Namen soll es sich um einen sehr lohnenden Gipfel handeln) und Roche Faurio (3730 m) sowie reine Klettergipfel wie die äußerst schmale und steile Granitnadel der Aiguille Dibona (3130 m).

Name und Gebiet der Dauphiné

Bemerkenswert ist auch der Name Dauphiné, der sich vom französischen Wort „Dauphin“, zu Deutsch „Delfin“, ableitet. Der Hintergrund ist, dass die Herrscher des im 11. bis 14. Jahrhundert dort befindlichen Feudalstaates sich den Titel / Beinamen Dauphin gaben und sich dieser Titel auf das Herrschaftsgebiet übertrug. Im Wappen waren sogar Delfine abgebildet. Mitte des 14. Jahrhunderts ging die Dauphiné in Folge von Kinderlosigkeit des damaligen Dauphin auf den französischen Thronfolger über. Seitdem erhielt jeweils der französische Thronfolger die Dauphiné und trug den Titel Dauphin.

Im französischen Sprachgebrauch umfasst die Dauphiné das Gebiet der drei Departements Isére, Drôme und Hautes-Alpes und liegt ungefähr im Dreieck der Städte Grenoble, Gap und Briançon. Im deutschen Bergsteiger-Sprachgebrauch verbindet man mit der Dauphiné meist nur das eigentliche Hochgebirgsmassiv, das in Frankreich nach dem höchsten Berg Écrins-Massiv genannt wird. Daneben ist auch der Name Pelvoux-Massiv gebräuchlich. Bevor Savoyen zu Frankreich kam, galt der Mont Pelvoux – entgegen der Barre des Écrins ist dieser von den näheren Tälern aus zu sehen – als höchster Berg Frankreichs.

Montagne des Agneaux

Wellenkuppe (3903m); Obergabelhorn (4063m)
Vallouise
Ailefroide Orientale (3848m)
Pré de Madame Carle
Refuge du Glacier Blanc (2542m)

Wie die meisten deutschen Bergsteiger haben auch wir in 2014 mal wieder die Dauphiné links liegen gelassen und sind für Hochtouren ins Wallis gefahren. Bei dem wettermäßig so durchwachsenen Sommer 2014 haben wir aber nach einem verregneten Hüttenaufstieg zur Cabane de Moiry, dem Blick auf die verschneiten Wände und Grate der Viertausender und den wenig hoffnungsvollen Wetteraussichten für die kommenden Tage die oft gehörte Bergsteiger-Ankündigung „wenn das Wetter schlecht ist, dann fahren wir eben in den Süden, in die Dauphiné“ mal wahr gemacht.

Ausgangspunkt für unsere Touren in der Dauphiné waren die Bergsteiger-Dörfer Vallouise und Ailefroide. Während Vallouise in einem weiten Talkessel liegt, für Urlauber die erforderliche Infrastruktur besitzt (Hotel, Camping-Platz, Supermarkt, Brauerei, …) und mit einer Höhenlage von ca. 1150 m häufig schon südfranzösische Temperaturen hat, liegt das nur ungefähr 8 Kilometer entfernte Ailefroide (ca. 1550 m) in einem grünen, engen Talkessel, umgeben von Granitwänden mit unzähligen meist sehr gut abgesicherten Ein- und Mehrseillängen-Klettertouren. Vallouise und Ailefroide sind damit ideale „Basecamps“, falls hohe Touren nicht möglich sind.

Nachdem uns mit der Ailefroide Orientale (3848 m) als erster Tour bereits einer der hohen Gipfel gelungen war, hatten wir wieder unser Hotel in Ailefroide bezogen. Der Blick in die Wetterberichte zeigte, dass nochmals zwei Tage bestes Wetter anstanden, bevor wieder eine neue Kaltfront über die Alpen ziehen sollte – also nochmal los, damit wenigstens ein paar Touren in diesem Sommer zusammenkommen. Da mit Dome de Neige, Ailefroide und Mont Pelvoux nun schon zumindest drei große Dauphiné-Gipfel in meinem Tourenbuch standen und uns nach einer etwas geruhsameren Tour zumute war, entschieden wir uns für den Montagne des Agneaux („Berg der Lämmer“). Dieser hat mit 3664 m „nur“ etwa Großvenediger-Höhe sowie einen relativ kurzen Hüttenzustieg (ca. 2 Stunden / 670 Höhenmeter) und Gipfelaufstieg (ca. 4 Stunden / 1150 Höhenmeter). Allerdings war die Schwierigkeit unklar: Der Normalweg war in der vorliegenden Führerliteratur von F bis AD- bewertet!

Ausgangspunkt für die Tour ist der am Ende des Tals Vallée de la Vallouise gelegene Parkplatz bei der Gaststätte Pré de Madame Carle auf 1874 m. Hier sind der von den Nordwänden des Mont Pelvoux, Pic Sans Nom und Ailefroide kommende Glacier Noir und der von der Barre des Écrins kommende Glacier Blanc früher zusammengeflossen. Während der Glacier Noir (schwarzer Gletscher) wie der Suldenferner überwiegend mit dunklem Gestein bedeckt ist, ist der Glacier Blanc (weißer Gletscher) meist schneebedeckt.

Der Weg zur Hütte Refuge du Glacier Blanc (2542 m) ist breit und wird für Dauphiné-Verhältnisse geradezu von Menschenmassen heimgesucht. Hier treffen die „Südlichster-Viertausender-Aspiranten“ und die Wanderer, die einen Gletscher mal von nah sehen wollen, aufeinander. Zu Recht, denn der Weg bietet ein einmaliges Panorama. Die Hütte ist französisch komfortabel und selten überfüllt. Die Wanderer steigen abends wieder ab, die „Südlichste-Viertausender-Aspiranten“ ziehen zum Refuge des Écrins (3170 m) weiter.

Aufstiegsskizze zum Montagne des Agneaux

Frühstück ist am nächsten Morgen um 4 Uhr. Mit uns steigen zwei weitere Seilschaften zum Montagne des Agneaux auf. Der Berg ist durch eine Vielzahl von Graten und Karen gekennzeichnet – quasi ein eigenes kleines Gebirgsmassiv. Dementsprechend ist der Aufstieg nicht sehr geradlinig. Das zu begehende Kar formt ein ausgesprochenes „S“: nach einer 90-Grad Linkskurve ersteigt man ein Altschneefeld, um danach eine 90-Grad Rechtskurve zu vollziehen und ein Schuttband zu gewinnen, das einen zum Col du Monêtier (3339 m) bringt. Eine mit uns aufsteigende französische Seilschaft hat diese Schwenks nicht vollzogen und gab danach auf. Am Col du Monêtier wechselt man – unter Hinnahme des Verlusts weniger Höhenmeter – von der Südseite auf die Nordost-Seite des Montagne des Agneaux und quert den harmlosen Glacier du Monêtier, um zum Col Tuckett (3529 m) zu gelangen, das den Startpunkt für den kurzen Gipfelgrat bildet. Die letzten 20 Meter zum Col Tuckett bieten brüchige 3er-Kletterei, die nächsten 20 Meter (ebenfalls im 3. Schwierigkeitsgrat) sowie der restliche leichtere Gratabschnitt (häufig 2. Schwierigkeitsgrat) dagegen wunderbare, kurzweilige Kletterei in festem Fels.

Altschneefeld
Col du Monêtier (3339m)
Glacier du Monêtier, Montagne des Agneaux im Hintergrund
Kletterei zum Col Tukett

Am Gipfel angekommen erwartet uns – für die Südalpen eher untypisch, aber typisch für die Schönwetterfenster in 2014 mit ihren kalten Höhenströmungen – wolkenloses Wetter, aber eiskalter Wind. Das Panorama ist fantastisch: Zentrale Dauphiné, Vanoise, Montblanc, Walliser Alpen, Grajische Alpen und die Cottischen Alpen mit dem obligatorischen Einzelgänger Monviso sind klar zu sehen.

Für einen Einstieg in die Dauphiné ist der Montagne des Agneaux ein idealer Aussichtsgipfel! Überflüssig zu erwähnen, dass wir die Einzigen am Gipfel waren. In leichter Abwandlung des bekannten Spruchs über die Meije, müsste es wohl auch heißen: „Wer die Dauphiné nicht gesehen hat, hat die Alpen nicht gesehen!“

Am Gipfel des Montagne des Agneaus (3664m), im Hintergrund der Barre des Ecrins
Gipfelblick: Mont Pelvoux (3946 m); Pic Sans Nom (3913 m); Ailefroide (3954 m); Barre des Ecrins (4102m)

Tourinfos

Ausgangspunkt:

Parkplatz bei Pré de Madame Carle (1874 m), ca. 35 km südlich von Briançon im hintersten Vallée de la Vallouise. Die sehenswerte Stadt Briançon wirbt als höchste Stadt der Alpen (ca. 1300 m) und mit 300 Sonnentagen im Jahr.

Schwierigkeiten:

Eine nach meinem Empfinden eher leichte Hochtour mit einem gut begehbaren Gletscher, aber zwei kurzen Seillängen (jeweils ca. 20 Meter) im 3. Schwierigkeitsgrad, die beim Abstieg idealerweise abgeseilt werden. In der französischen Führerliteratur schwankte die Schwierigkeitsbewertung zwischen F und AD-!

Zeiten und Höhenmeter:

Hüttenzustieg: Pré de Madame Carle – Refuge du Glacier Blanc: 2 Stunden, 670 hm.
Gipfelaufstieg: 4 Stunden und insgesamt ca. 1150 hm.

Literatur:

  • Hartmut Eberlein: Dauphiné, Gebietsführer für Wanderer, Bergsteiger und Kletterer („Rother-Alpenvereinsführer“, deutsch, vergriffen)
  • Paul Grobel, Frédéric Chevaillot, Jean-Réne Minello: Alpinisme facile dans le massif des Écrins (Hochtouren-Auswahlführer, französisch)
  • Pierre-Henri Paillasson, Jean-Michel Cambon: Escalade à Ailefroide (Topo-Sportkletterführer, französisch)

Text: Stephan Mertens
Bilder: Stephan Mertens und Bernd Hetzel