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Vordere Grauspitze – ein Seven Summit!

Zu den magischen Begriffen im Bergsteigen gehört unter anderem der Begriff „Seven Summits“. Sogar eine Bekleidungsserie trägt diesen Namen. Wie jeder Bergsteiger weiß, sind damit die jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente gemeint. Mittlerweile ist durch Hans Kammerlander der Begriff der „Second Seven Summits“ eingeführt, während der österreichische „Sky Runner“ Christian Stangl sogar die jeweils drei höchsten Berge der sieben Kontinente bestiegen hat.

Neben dem Suchen und dem Aufstellen immer neuer Rekorde spielt dabei natürlich auch die  insbesondere dem Normal-Bergsteiger innewohnende - Sammlerleidenschaft eine Rolle. Aber da beginnt das Problem für die meisten Normal-Bergsteiger: Die „Seven Summits“ sind in der Regel unerreichbar mangels Zeit, Können, Kondition und finanziellen Aufwand.

Also beschränkt man sich als Normal-Bergsteiger auf erreichbare Ziele wie z. B. alle Viertausender der Alpen (auch schon ziemlich anspruchsvoll; je nach Zählweise so zwischen 53 und 180), alle Dreitausender Österreichs (es sollen 976 sein), die höchsten Gipfel der deutschen Bundesländer (16) oder, wie in 2012 in Fürth alpin 2-2012 an dieser Stelle beschrieben, die schöne Idee der höchsten Gipfel der bayerischen Landesteile („Seven Bavarian Summits“).

Wer allerdings unbedingt die Seven Summits besteigen will, der kann dies auch im kleineren Rahmen machen: die „Seven Summits der Alpen“, also die höchsten Gipfel der Alpenländer Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz und Frankreich sowie nicht zu vergessen Slowenien und Liechtenstein. Allerdings ist dieses Unterfangen, zumindest im Hinblick auf die Definition, was als höchster Gipfel zählt, um einiges schwieriger als die klassischen „Seven Summits“, da die höchsten Punkte dieser Länder zum Teil auf Landesgrenzen liegen, wenig markant sind oder einfach nur Rückfallkuppen bzw. Graterhebungen von anderen Bergen sind. Also Vorsicht, im Folgenden geht es erst mal um Zahlen und ein bisschen ums „Erbsenzählen“. Wer es also mit Zahlenklauberei nicht so hat oder diese besonders ernst nimmt oder sich nur mal über die eher unbekannte Vordere Grauspitze informieren will, der sollte lieber bei der Überschrift Vordere Grauspitze weiterlesen.

Zahlenklauberei

Das Problem, welcher Gipfel überhaupt der höchste ist, wurde klar als kurz nach dem Artikel der „Seven Bavarian Summits“ im Fürth alpin Artikel in der Bergsteiger Sendung „Bergauf Bergab“ eine Reportage über die höchsten bayerischen Gipfel kam, dort aber für den Landesteil Schwaben statt der höheren Hochfrottspitze (2649 m) die schwierigere und eindrucksvollere, aber eben niedrigere Trettachspitze (2599 m, „Matterhorn des Allgäus“), dargestellt wurde. Die Begründung war, dass die Hochfrottspitze lediglich ein Grenzgipfel sei.
Um alle Gipfel der „Seven Summits der Alpen“ bestiegen zu haben, muss man sie also vorher definieren und dafür Regeln aufstellen. Dazu gehört einerseits zu klären, wann ist ein Berg ein eigenständiger Berg sowie andererseits was macht man mit Grenzgipfeln?

Wann ist ein Berg ein eigenständiger Berg?

Schlaue Köpfe haben sich natürlich längst darüber Gedanken gemacht. In der Regel werden dafür die Kriterien „Prominenz“ und „Dominanz“ herangezogen und Mindest-Größen definiert. „Dominanz“ ist hierbei definiert als horizontaler Abstand zum nächstgelegenen, gleich hohen Punkt am Fuß oder Hang eines höheren Berges (gemessen auf direkter Linie), während „Prominenz“ oder Schartenhöhe als Differenz aus seiner Höhe und der höchstgelegenen Einschartung, bis zu der man mindestens absteigen muss, um einen höheren Gipfel zu erreichen, definiert ist. Damit ist eigentlich auch die Frage nach den sogenannten Rückfallkuppen und Graterhebungen geklärt, die dann relevant werden, wenn sie auf dem Grenzverlauf liegen und den höchsten Punkt eines Landes darstellen, aber nur eine Höhenkote an einem höheren Berg sind, dessen Gipfel im Nachbarland liegt. Dies wird insbesondere bei Italien evident: Höchster Punkt von Italien ist der Montblanc de Courmayeur mit 4748 Meter, der zudem der Kulminationspunkt von Peuterey- und Brouillard-Grat sowie der wilden Freney-Seite ist, aber bei einer Schartenhöhe (Col Major 4740 m) von nur 8 Metern zum Nachbargipfel Montblanc nun wirklich kein eigenständiger Berg ist. (Die Bestimmung des höchsten Gipfels von Italien ist zudem schwierig, da der Grenzverlauf nicht ganz eindeutig ist; insbesondere auf italienischen Karten führt der Grenzverlauf zum Teil direkt über den Montblanc-Gipfel).

Was macht man mit Grenzgipfeln?

Das „Trettachspitze – Hochfrottspitze – Problem“ wird insbesondere in der Schweiz augenscheinlich. Um den Titel des höchsten Gipfels der Schweiz wetteifern die Dufourspitze (4634 m, grenznah – teilweise liegt das Monte Rosa-Massiv in Italien) und der Dom (4545 m, höchster Berg der Schweiz, der vollstän¬dig in der Schweiz liegt); aber eben auch wieder bei Italien: die meisten Viertausender Italiens sind Grenzgipfel, was zu dem Ergebnis führt, dass ca. 18 Grenzgipfel / grenznahe Gipfel höher sind als der vollständig in Italien liegende Gran Paradiso.

Meine persönlichen „Seven Summits der Alpen“

Für mich habe ich festgelegt, dass Grenzgipfel auch zählen, wenn sie eigenständige Gipfel sind (also eine gewisse Prominenz und Dominanz vorliegt). Damit scheiden z. B. Montblanc de Courmayeur, Zumsteinspitze und Signalkuppe (geringe Dominanz und/oder Prominenz) für Italien schon mal aus. Und auch für den Gran Paradiso, der meistens für Italien angeführt wird, sieht es schlecht aus. Klar ist der Gran Paradiso ein Viertausender und liegt ganz in Italien (und ist zudem leicht) – andererseits gibt es aber 5 höhere Berge (z. B. Schwarzhorn (4322 m), Vincent Pyramide (4215 m)), die zwar grenznah, aber eben ganz in Italien liegen und 13 höhere Grenzgipfel (neben dem Nordend (4609 m), auch z. B. Lyskamm (4527 m) und Matterhorn (4478 m). Zudem ist die allgemein als höchster Gipfel Liechtensteins anerkannte Vordere Grauspitze auch ein Grenzgipfel. Der höchste Gipfel für Italien ist daher für mich das Nordend (4609 m) .

Nordend 4609m
Nordend 4609m

Man betrachte es einfach mal von der Schweiz aus: es ist das spitze, kleine, leider immer vernachlässigte Schneehorn links neben der Dufourspitze.
Demnach sind für mich die folgenden Gipfel die „Seven Summits der Alpen“:

  • Frankreich:     Montblanc     (4810 m)
  • Schweiz:     Dufourspitze     (4634 m)
  • Italien:     Nordend     (4609 m)
  • Österreich:     Großglockner     (3798 m)
  • Deutschland:     Zugspitze     (2962 m)
  • Slowenien:     Triglav     (2864 m)
  • Liechtenstein:     Vordere Grauspitze     (2599 m)

Nicht, dass ich gezielt darauf hin gearbeitet hätte, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass nur noch die Vordere Grauspitze fehlte. Naja, dann musste natürlich auch diese gemacht werden, was ich aber immer wieder verschob. Letzter Auslöser war dann der Bericht im Alpin in 2013 – zumal dort zu lesen war, dass die Vordere Grauspitze in den vergangenen 3 Jahren äußerst selten bestiegen worden wäre. Damit wären „Seven Summits der Alpen“-Besteiger überraschenderweise ziemlich rar. Für mich nicht vorstellbar, dass so wenige Bergsteiger bisher diese Idee hatten. Zum Vergleich: der Konstanzer Augenarzt Dr. Karl Blodig hatte bereits 1911 alle Viertausender der Alpen („Blodigliste“) bestiegen (nach seiner Zählweise).

Vordere Grauspitze

Talstation der Älplibahn
Talstation der Älplibahn

Regelmäßiger Ausgangspunkt für die Vordere Grauspitze ist die Ortschaft Malans im Rheintal zwischen Sargans und Chur in der Schweiz. Hierbei beginnt die Älplibahn , die zu dem Erlebnis einer Besteigung der Vorderen Grauspitze dazugehört.

Wie der typisch schweizerisch-verniedlichende Name schon suggeriert, ist sie

  • klein:
    man steigt direkt vom Parkplatz, quasi ohne Durchquerung eines Seilbahngebäudes ein; es verkehren nur zwei enge viersitzige Gondeln, die es auf eine Beförderungsleistung von rund 40 Personen pro Stunde bringen
  • perfekt gewartet:
    sehr saubere Anlage mit einwandfreier leuchtend gelber Bemalung
  • akkurat:
    die Fahrt muss am Tag vorher mit gewünschter Uhrzeit reserviert werden, was natürlich auch streng kontrolliert wird.

Ab der Bergstation (1801 m) verläuft die Tour zunächst auf Almwegen  sowie durch zwei Tunnels zur Alpe Ijes (1934 m), wobei man zwischendurch leider rund 300 Höhenmeter absteigen muss. Im Frühsommer als wir unterwegs waren, eine sehr blumenreiche Tour: wir haben sogar mehrere Feuerlilien und gelbe Tüpfel-Enziane  am Wegrand entdeckt.

Talstation der Älplibahn
Blick ins Rheintal
Feuerlilie und getüpfelter Enzian
Wegloser Zustieg zum Kamm
Wegloser Zustieg zum Kamm

Nach der Alpe Ijes (1934 m) biegt man dann links ab, um nun weg- und markierungslos, nur ab- und zu vorhandenen Wegspuren folgend den Kamm, der von der Hinteren Grauspitze  nach Süd-Ost streicht, zu gewinnen.

 Am Kamm angekommen  sieht man dann zum ersten Mal die Vordere Grauspitze und muss sich entscheiden, ob man diese über die Hintere Grauspitze oder direkt über die Süd-Ost-Flanke angeht.

Bei erster Alternative muss man beim Abstieg von der Hinteren Grauspitze kurz, aber sehr ausgesetzt einen grasigen IIer abklettern; bei zweiter Alternative erklimmt man weiterhin weglos die vom Kamm aus gesehene ziemlich steile Süd-Ost-Flanke. Wir haben uns für die Süd-Ost-Flanke entschieden. Der anschließende Grat führt dann leicht (Ier-Stellen) in einer knappen halben Stunde zum Gipfel.

Schlussanstieg
Schlussanstieg

Der Gipfel trägt unspektakulär nur einen Steinmann. Die Aussicht ist ungewohnt: im Westen unten das Rheintal und dahinter die Flumser Berge, im Norden/Osten das Rätikon mit seinen Kletterbastionen Sulz- und Drusenfluh, im Südosten Silvretta und Davoser Berge und im Süden die Dreitausender des Hinterrheintals.

Das Gipfelbuch zeigt dann, dass die Vordere Grauspitze doch schon viel mehr als nur äußerst selten in den vergangenen 3 Jahren Jahren bestiegen wurde (ich würde schätzen so 20 Mal pro Jahr!) und dass Bergsteiger Sammler sind: Der überwiegende Teil sind „Seven Summiter“. Zudem kann man sehen, was noch zu tun ist: Zudem haben sich Bergsteiger eingetragen, die das Ziel haben, alle höchsten Ländergipfel Europas zu besteigen (es sollen 47 sein). Nicht-Sammler oder besser Nur-Vordere-Grauspitzen-Besteiger (und vielleicht gibt es ja auch die „Alle-Gipfel-Liechtensteins-Besteiger“ – wieviele sind das denn nun?) sind aber eher die Ausnahme.

Vordere Grauspitze 2599m
Vordere Grauspitze 2599m

Nachtrag: „Eight Summits der Alpen“?

Damit wäre das Ziel erreicht – oder doch nicht? Ganz genau müssten es nämlich „Eight Summits der Alpen“ sein, schließlich gibt es ja noch Monaco ganz im Süden, dort wo die Alpen im Mittelmeer verschwinden. Der höchste Berg dort? Keine Ahnung. Höchster Punkt dort: 162 m, irgendeine Häuserecke in einem Wohngebiet am Hang des Mont Angel, Adresse: „Villa Frontalière“ Chemin des Revoires Nr. 24, bei der Kreuzung zum Chemin des Salines. Ok, dieser Summit fehlt, aber das soll ein Berg sein

Toureninformationen Vordere Grauspitze

Höhe: 2599 m
Lage: Am südlichen Ende von Liechtenstein
Anfahrt: Vom Bodensee Richtung Chur; bei Landquart in ca. 5 Kilometer zum Ausgangsort Malans (Talstation Älplibahn)

Tour: Bergstation Älplibahn (1801 m) – Alpe Ijes (1934 m) – Süd-Ost-Kamm der Hinteren Grauspitze – Vordere Grauspitze (2599 m); Rückweg wie Anstieg; insgesamt ca. 8 Stunden

Alternativrouten: von Liechtenstein (Malbun) über die Pfälzer Hütte (gemütlich als 2-Tages-Tour) oder von Seewis im Prättigau

Schwierigkeit: Bis zur Alpe Ijes Almwege, danach weglos; insgesamt F+; mit Gegenanstiegen und Rückweg ca. 1400 Höhenmeter

Charakter: im Frühsommer blumenreiche Almwanderung mit weglosem Finale; eine steile Schuttflanke und oder kurze Kletterstelle II+ an der Hinteren Grauspitze

Literatur: einige aufschlussreiche Tourbeschreibungen mit Bildern auf www.hikr.org

Alle Angaben ohne Gewähr.

Text und Bilder: Stephan Mertens