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Klassischer Nadelgrat

Nadelgrat: Hobärghorn, Stecknadelhorn, Nadelhorn. Im Hintergrund Dom

Neben der klassischen Gipfelrunde im Monte Rosa-Massiv, auch manchmal abfällig „Spaghetti-Tour“ genannt aufgrund der geringen Schwierigkeiten der Tour und wegen des häufig wenig abwechslungsreichen Abendessens auf den meist italienischen Hütten, gibt es nur wenige 4000er-Touren, bei denen man innerhalb eines Tages - und bei moderaten Schwierigkeiten - mehrere 4000er sammeln kann. Neben der Montblanc-Längsüberschreitung mit den drei 4000ern Montblanc de Tacul (4248 m), Mont Maudit (4465 m) und Montblanc (4807 m) gehört u. a. auch der klassische Nadelgrat mit den vier 4000ern Nadelhorn (4327 m), Stecknadelhorn (4241 m), Hohberghorn (4219 m) und Dürrenhorn (4035 m) dazu.

Wer es konditionell und schwierigkeitsmäßig schärfer mag, kann mit der Lenzspitze (4294 m) auch noch den fünften 4000er anfügen (vollständiger Nadelgrat). Sicher kann man bei all diesen Touren über die Eigenständigkeit der Gipfel streiten, aber in der offiziellen UIAA-Zählweise handelt es sich bei allen Gipfeln um selbstständige 4000er.

Beim klassischen Nadelgrat kann man zwischen zwei Ausgangshütten wählen: den hochgelegenen Mischabelhütten (3329 m) über Saas Fee sowie der kleinen Bordierhütte (2886 m) über dem Mattertal. Aufgrund des Umstands, dass die Mischabelhütten deutlich höher liegen und man von ihnen das Nadelhorn als Einzelziel relativ leicht und schnell erreichen kann, sind diese allerdings häufig, trotz ihrer Größe, ausgebucht. Zudem muss man, nachdem man das Windjoch (3850 m) erreicht hat, wieder auf ca. 3550 m absteigen, um zum Einstieg des Nadelgrats, dem Couloir zum Dürrenjoch, zu gelangen. „Runder“ und ursprünglicher wird die Tour, wenn man von der kleinen und gemütlichen Bordierhütte startet; die paar Höhenmeter mehr nimmt man dafür gerne in Kauf.

Aufstieg von der Bordierhütte

Aufstieg zur Bordierhütte mit Blick zum Riedgletscher
Bordierhütte 2886m

Bernd und ich haben uns deshalb für den Aufstieg von der Bordierhütte entschieden. Ausgangspunkt ist Gassenried (1650 m) hoch über dem Mattertal. Am Ortseingang befindet sich
ein kleiner kostenpflichtiger Parkplatz. Wie vermutet, haben nur wenige weitere Alpinisten hier ihr Auto geparkt.

Hinter Gassenried zieht der Weg durch schönen Lärchenwald hoch zu Alpja auf 2100 m. Hier queren wir den Riedbach, der aus dem Riedgletscher gespeist wird. Südlich der riesigen Randmoräne geht es durch den Lärchenwald weiter hoch. Hier überholt uns eine Gruppe von Bergsteigern, die wie ein ICE an uns vorbei zieht. Wie wir später erfahren haben, handelte es sich um eine Gruppe angehender deutscher Bergführer, die am nächsten Tag von der Bordierhütte ihre Praxisprüfungstour machen werden. Ein bisschen vom Ehrgeiz gepackt, hängen wir uns an die Nachzügler der Gruppe. Alsbald verlassen wir dann die grünen Regionen und erreichen den Scheitel der Randmoräne des Riedgletschers. Unter der eindrucksvollen Steilstufe des Riedgletschers queren wir den aperen Gletscher auf ca. 2650 m und erreichen schließlich in einer knappen weiteren halben Stunde, nach insgesamt 3:15 Stunden, die Bordierhütte. Am Abend bleiben in der noch recht ursprünglichen Hütte einige Plätze leer.

Aufbruch

Morgendlicher Aufbruch

Am nächsten Tag ist die Nacht um 1:00 Uhr zu Ende. Die angehenden Bergführer sind schon startbereit. Sie wollen oder müssen den Nadelgrat „integral“ machen; dazu steigt man wieder zur Querung des Riedgletschers ab und überschreitet das Dürrenhorn, anstelle dieses durch das Dürrenjoch-Couloir anzugehen. Nachdem auch wir unsere Bergstiefel endlich gefunden haben, starten wir schließlich um 2:00 Uhr zusammen mit einer weiteren Seilschaft, die auch den Nadelgrat klassisch über das Dürrenjoch angehen will. Anfangs geht es bei stockfinsterer Nacht durch das Moränengelände in einer guten Stunde wieder hinauf zum Riedgletscher. In dem wenig übersichtlichen Gelände lässt sich der Weg allerdings leicht finden, da der Hüttenwirt nahezu den gesamten Weg mit Katzenaugen-Reflektoren versehen hat. Mit den Stirnlampen braucht man nur immer den neu aufleuchten Katzenaugen zu folgen – eine sehr nützliche Hilfe, die bei Tageslicht nicht auffällt. Auf dem Gletscher ist zunächst eine kleine Steilstufe zu erklimmen, um danach im oberen flachen Becken des Riedgletschers auf ca. 3400 m nach rechts abzubiegen in Richtung Couloir zum Dürrenjoch.

Dirrucouloir im Morgenlicht
Dirrucouloir

Dürrenhorn (4035m)

Bei Tagesanbruch erreichen wir schließlich als einzige Seilschaft von der Bordierhütte - die mit uns gestartete Seilschaft ist bereits wieder umgekehrt - den Beginn des Couloirs. Vor uns sind bereits drei Seilschaften, die von den Mischabelhütten gestartet sind, im Couloir. Das Couloir hat einen schlechten Ruf: Von gefährlich und sehr steinschlaggefährdet bis nicht gangbar im Hoch- und Spätsommer. Aber wie immer kommt es auf die individuellen Verhältnisse an. Bei uns war es zugegebenermaßen relativ kalt; aber das Couloir war bereits teilweise in der Sonne und wir hatten drei Seilschaften vor uns. Trotzdem ist uns kein einziger Stein entgegengekommen. Dass hier ein Helm zu tragen ist, sollte allerdings selbstverständlich sein. Über sehr harten Firn steigen wir im ca. 45 Grad steilen Couloir am kurzen Seil bis zur Hälfte des Couloirs hoch, um anschließend in die rechte Felsflanke zu queren. Über anregendes Gelände, ab und zu an Eisenstangen und Bohrhaken vorbei, erreichen wir meist gleichzeitig am kurzem Seil gehend das Dürrenjoch (3916 m), an dem die vor uns steigenden Seilschaften kurz rasten.

Bernd und ich entledigen uns im Dürrenjoch der Rucksäcke, um sogleich das Dürrenhorn (4035 m) anzugehen, das wir nach gut 30 Minuten ohne besondere Schwierigkeiten erreichen. Nach ein paar Fotos am Gipfel kehren wir zum Dürrenjoch wieder zurück, schieben einen Powerriegel rein und greifen den Grat zum Hohberghorn an.

Leichte Kletterei auf dem Weg zum Dirruhorn
Dirruhorn 4035m

Hohberghorn (4219 m)

Über den anfänglich felsigen Grat erreichen wir über einen Firngrat schließlich den Schlussanstieg zum Hohberghorn (4219 m). Dieser ist ca. 100 Höhenmeter hoch, relativ steil und weist schneeiges, kombiniertes Gelände im 2. Schwierigkeitsgrad auf – heute wunderbar zu gehen. Auf dem schmalen Gipfel verweilen wir nur kurz und steigen in einer Viertelstunde zum Hohbergjoch (4144 m) ab, wo wir im Windschatten eine Pause machen. Das Wetter ist zwar außergewöhnlich schön, aber es wird irgendwie nicht richtig warm und der Wind wird immer stärker.

Schlussanstieg zum Hohbärghorn
Hohbärghorn 4219m

Stecknadelhorn (4241 m)

Stecknadelhorn 4241m

Der anschließende Grat zum Stecknadelhorn (4241 m) stellt die schwerste Passage am eigentlichen Nadelgrat dar. Konstant im 2. Schwierigkeitsgrad, zum Teil direkt an der Gratkante und manchmal ausgesetzt in der rechten Flanke über steilen Firn querend und ansteigend, zieht die Tour zum Gipfel hoch – auch hier wunderbares, leichtes kombiniertes Gelände. Man muss aber darauf achten den leichtesten Weg zu finden. Der Gipfel ist wieder recht eng und gibt den Blick auf den Schlussanstieg zum Nadelhorn frei.

Nadelhorn (4327 m)

Firngrat und Nadelhorn
Nadelhorn 4327m
Abstieg zum Windjoch mit Blick zum Ulrichshorn

Nach fünf Minuten Abstieg ist das folgende Stecknadeljoch (4220 m) erreicht, wo der schön geschwungene und leichte Firngrat in Richtung Nadelhorn (4327 m) beginnt. Kurz vor dem Nadelhorn quert die Spur nach links, um waagerecht den Normalweg zu erreichen, der von den Mischabelhütten über das Windjoch hochkommt. Die Querung ist ein bisschen delikat aufgrund der Steilheit der Flanke und der wenig ausgeprägten Spur; zudem befindet sich unter der dünnen lockeren Schneedecke hartes Eis. Am Normalweg angekommen überholt uns die nachfolgende italienische Bergführerseilschaft, die Bernd und mir auf die Schultern klopft – eine kleine Anerkennung für das Wegfinden und das
 
Austreten der Spur. Die letzten Meter im gutgriffigen Firn sind dann anstrengend und steil. Der kalte Wind wird aber immer stärker. Unterm Gipfel suchen deshalb einige Seilschaften Schutz im Windschatten eines kleinen Gendarms. Auch wir sind nur kurz am Gipfel, machen ein paar Fotos und treten rasch den Abstieg vom Nadelhorn an.

Das Windjoch (3850 m) ist dann schnell erreicht. Wir sparen uns das Ulrichshorn. Die berühmte Sitzbank an diesem 3925 m hohen Gletschergipfel - ich glaube es gibt keine höhere Gipfelbrotzeitbank in den Alpen - werden wir ein anderes Mal besuchen und steigen gleich auf den flachen oberen Riedgletscher ab. Der kalte Wind hat hier schon merklich nachgelassen. Entspannt, alle Schwierigkeiten hinter uns gelassen zu haben, können wir nun gemütlich zur Bordierhütte runter schlendern, wo wir nach 12 Stunden um 14:00 Uhr wieder ankommen und Zeit genug haben, um in der Sonne auf der Hüttenterrasse auf die vollbrachte Tour bei Cola und Kuchen zurückzuschauen.

Steckbrief

Tourabschluss – Bordierhütte

Ausgangspunkt:

Gassenried (1650 m), von Sankt Niklaus im Mattertal über Grächen auf schmaler Straße zu erreichen. Kleine Ortschaft mit eingeschränkten Parkmöglichkeiten: Entweder kostenpflichtig auf öffentlichem Parkplatz am Ortseingang oder auf einem Privatparkplatz, auskunftsgemäß etwas günstiger, innerhalb der Ortschaft. Für den öffentlichen Parkplatz am Ortseingang ist der Parkschein im kleinen Lebensmittelmarkt in der Ortsmitte zu kaufen.

Schwierigkeiten:

Je nach Führer von PD bis AD. Die markantesten Wegstrecken sind das Couloir zum Dürrenjoch, der Schlussanstieg zum Hohberghorn und der Anstieg zum Stecknadelhorn (im Alpenvereinsführer sind diese Wegstrecken mit G6 bis G7 (= AD- bis AD) bewertet). Das berüchtigte Couloir war bei uns sehr gut begehbar, obwohl wir die Tour erst Mitte August gemacht haben. In der Mitte des Couloirs wird dieses normalerweise nach rechts verlassen, um im Fels zum Dürrenjoch aufzusteigen. Hier sind vereinzelt Eisenstangen und Bohrhaken zu finden. Man bewegt sich am Grat mehrere Stunden lang über 4000 Meter.
Zeiten und Höhenmeter:
Hüttenzustieg: Gassenried – Borierhütte: 4 Stunden, 1250 hm.
Nadelgrat: Ca. 13-14 Stunden und insgesamt ca. 1650 hm im Aufstieg.

Literatur:

Michael Waeber: Gebietsführer „Walliser Alpen“ erschienen im Bergverlag Rother (München) Daniel Silbernagel, Stefan Wullschleger: „Hochtouren Topoführer, Walliser Alpen“ erschienen im topo.verlag (Basel)

Text: Stephan Mertens
Bilder: Stephan Mertens
und Bernd Hetzel