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Mont Dolent Einsamer Galletgrat

 

Der Mont Dolent ist mit 3.823 m kein Riese in der Montblanc-Gruppe, er ist aber aufgrund seiner markanten Pyramidenform sowie der Lage als Dreiländerspitze (Schweiz – Frankreich – Italien) einer der herausragenden Berge der schweizerischen Seite der Montblanc-Gruppe. Ersterstiegen wurde er 1864 von keinem geringeren als Edward Whymper, dem Erstersteiger des Matterhorns, mit den nicht weniger berühmten Führern Croz, Charlet, Reilly und Payot. Gegen Osten entsendet er einen äußerst interessanten Grat im mittleren Schwierigkeitsgrad, der nach dem Erstbegeher J. Gallet benannt ist. Im Winter gilt der Mont Dolent als anspruchsvolle Skihochtour und wird regelmäßig unternommen.

Und im Sommer? Mit uns war nur noch eine weitere Seilschaft am Galletgrat unterwegs. Im Hüttenbuch der Biwakschachtel waren die Einträge übersichtlich und deutsche Seilschaften eher die Ausnahme. Dies ist umso erstaunlicher, als der Galletgrat in den einschlägigen Bildbänden und Bergzeitschriften regelmäßig bei den „schönsten Grattouren“ der Montblanc-Gruppe genannt wird. Auch beim Abstieg über den Normalweg haben wir keine weiteren Seilschaften angetroffen. Das Fehlen von Hütten sowohl am Normalweg als auch beim Galletgrat –es gibt jeweils nur eine Biwakschachtel– macht sich hier bemerkbar.

Aber der Reihe nach. Zu viert sind wir, Rainer, Bernd, Tilman und ich, Anfang August (mal wieder bei strömenden Regen) über Martigny ins hinterste schweizerische Val Ferret gefahren. In der letzten Ortschaft, La Fouly auf ca. 1.600 m, haben wir uns dann für eine Nacht in der Auberge Les Glaciers eingemietet. Nicht weit von hier befindet sich im Tal die aufgrund ihrer schlechten Absicherung früher berühmt berüchtigte Klettertour der Dalle d’Amône, ein Plattenschleicher an nicht ganz zuverlässigen Schüppchen. Bei unserer Anfahrt markierte ein Wasserfall den Verlauf dieser Klettertour.

Unseren ursprünglichen Plan, am nächsten Tag auf die Cabane du Trient aufzusteigen, um dort mehrere Tage ein paar mittellange Touren am Trient-Plateau zu unternehmen, zerschlägt sich schnell, da sowohl die Cabane du Trient als auch die etwas unterhalb gelegene Cabane d’Orny tagelang ausgebucht waren – zu bekannt und beliebt sind dort eben die nicht allzu langen Eis- und Klettertouren. Also doch gleich zu Beginn des Sommerurlaubs wieder mit einer anständigen Tour starten. Der Galletgrat war damit beschlossen. Bei einer Biwakschachtel kann man eben nicht anrufen und sich eine Vollbelegungsabfuhr holen. Spannend ist dann nur, ob noch Plätze frei sind, wenn man ankommt.

Um der Spannung entgegenzuwirken steigen wir am nächsten Tag, obwohl der Zustieg nur 3 Stunden dauert, schon am Vormittag in Richtung Bivouac du Dolent  bzw. Bivouac de la Maye (2.667 m) auf. Über einen schmalen, wenig begangenen Weg und bei sich langsam besserndem Wetter erreichen wir kurz nach Mittag die Biwakschachtel. Wir sind zunächst die einzigen Gäste. Die Biwakschachtel hat 12 Plätze und ist gut ausgestattet, hat allerdings keinen Kocher. Gegen Abend kommen noch drei Franzosen, von denen wir eine Menge gelernt haben – man kann auch sagen, denen wir mit großen Augen zugeschaut haben, wie sie stundenlang ihr Vier-Gänge-Menu zelebriert haben. Sogar einen Wein hatten sie dabei.

Am nächsten Morgen ist die Nacht um 4 Uhr vorbei. Kurz hinter der Biwakschachtel beginnt bereits der Gletscher und wir seilen uns an. Der Glacier du Dolent ist ziemlich wild und es stellen sich uns immer wieder kurze steile Bruchzonen in den Weg, die wir zum Teil sichernd ersteigen. Spätestens jetzt bei der Dämmerung wird klar, dass wir nach dem gestrigen Regentag heute einen Spitzentag haben werden – keine Wolke trübt den Himmel.

        

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Nach dem Gletscher erreichen wir über eine kurze ca. 40 Grad steile Firnflanke, gleichzeitig am kurzen Seil gehend, bei bestem griffigen Firn schließlich den eigentlichen Grat und wechseln von der Südseite auf die Nordseite des Galletgrates. Ab hier folgt ein kurzer felsiger Gratabschnitt und anschließend der nordseitige Hängegletscher, der als riesige Terrasse in der Nordwand liegt und überhängend in den Kessel des Glacier de l’A Neuve abbricht. Den Hängegletscher in der Nordwand querend erreichen wir den Gipfelhang. Der Gipfelhang ist eine ca. 200 Meter hohe Flanke mit bis zu 45 Grad Neigung. Wir gehen diesen in Seilschaft und setzen Schrauben bzw. sichern über „Toten Mann“, denn unter der lockeren Neuschneeschicht verbirgt sich morsches Eis. Ein leichter Spindrift hat die Spuren der bereits entschwundenen Franzosen verblasen, so dass wir diese Flanke in absolut unberührtem Zustand ersteigen – Bergsteigen in seiner ursprünglichen Form, ohne Spur und weit und breit keine Menschenseele.

Am Gipfel ist die Aussicht hervorragend. Im Osten der Grand Combin (4.314 m) als Dreieck, direkt im Norden der schneidige Tour Noir (3.837 m) und im Westen der Argentière-Kessel mit den 1000 m-Eiswandklassikern von Aiguille de Triolet (3.870 m), Les Courtes (3.856 m), Les Droites (4.000 m) und Aiguille Verte (4.122 m). Daran anschließend natürlich Montblanc (4.810 m) und Grandes Jorasses (4.208 m), um nur die Bekanntesten zu nennen.

 

 

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Der Abstieg vom Gipfel über den Normalweg wird dann noch mal lang und ist anfänglich nicht nur ein einfacher Hatscher. Erst gegen 7 Uhr abends kommen wir in La Fouly an, wo wir glücklich wieder in der Auberge Les Glaciers unterkommen.

 

Übrigens, J. Gallet hat nicht nur am Mont Dolent einen Grat mit seinem Namen hinterlassen. In den Berner Alpen am Doldenhorn ist der noch viel bekanntere Ostgrat nach ihm benannt. Und eine Hütte gibt es dort auch!

 

Tourinfos:

Höhe:
3.820 m

Lage:
Dreiländergipfel (Schweiz – Frankreich – Italien) in der Montblanc-Gruppe.

Anfahrt:
vom Rhônetal ab Martigny in Richtung Großer Sankt Bernhard. Ab Osière ins schweizerische Val Ferret bis in die letzte Ortschaft La Fouly.

Tour:
La Fouly (1.600 m) – Bivouac du Dolent (2.667 m) ca. 3 Stunden; Bivouac du Dolent (2667 m) – Mont Dolent (3.820 m) ca. 5-6 Stunden; Mont Dolent (3.820 m) – La Fouly (1.600 m) ca. 4-5 Stunden.

Schwierigkeit:
Galletgrat insgesamt AD, wenige Stellen im Fels bis max. III, hauptsächlich eistechnische Schwierigkeiten mit Neigungen bis zu 45 Grad; im Glacier du Dolent können bei ungünstiger Spaltensituation auch kurze steilere Passagen vorkommen. Abstieg insgesamt pD.

Charakter:
Wilde, ursprüngliche und vor allem einsame kombinierte Tour in der Montblanc-Gruppe. Hütten weder am Auf- noch Abstieg vorhanden, eine Übernachtung in einer Biwakschachtel ist obligatorisch. Die Tour erfordert den absolut selbstständigen Bergsteiger.

Literatur:
Hartmut Eberlein: „Mont-Blanc-Gruppe“, Bergverlag Rother (Alpenvereinsführer 2005);
Jean-Louis Laroche, Florence Lelong: „Die Gipfel des Montblanc – Die schönsten Routen in allen Schwierigkeitsgraden“, BLV-Verlagsgruppe (1999).

 

Text: Stephan Mertens

Bilder: Stepahn Mertens; Rainer Eckenberger; Bernd Hetzel