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Wallis, mal unter 4000

links Montblanc de Cheilon, rechts La Ruinette

Zwischen den Zermattern 4000ern und dem Grand Combin am Großen Sankt Bernhard ist so was wie ein weißer Fleck für viele Alpinisten. Die Berge dort sind am ehesten noch den klassischen Haute Route-Skitourengehern bekannt, die auf ihrem Weg von Argentière am Montblanc nach Sass Fee im Wallis hier durch müssen. Wo aber im Winter noch Berge stehen, können im Sommer die Alpen doch nicht jahreszeitbedingt verschwinden. Zugegebenermaßen sind sie aber nicht ganz so hoch wie nebenan im Wallis, Viertausender sind hier nicht zu haben. Vielleicht werden sie deshalb im wahrsten Wortsinne übersehen, da man beim Blick von den Walliser Viertausendern zu den Montblanc-Viertausendern einfach über sie hinweg sieht.

Hüttenaufstieg

Für Rainer und mich war deshalb das westliche Wallis das Ziel für unsere Hochtourenwoche im Sommer. „Schönwetterperiodenoptimierend“ fahren wir bei Regen ins Wallis, die nächsten Tage sollen bestes Bergwetter bringen. Ausgangspunkt ist die Barrage der Dix (2.141 m) im Tal der Dixence, die direkt unter der riesigen Staumauer des Lac des Dix steht. Den Rucksack verpacken wir hier wasserdicht in die Regenhülle, den Regenschirm spannen wir auf und los geht’s zu unserer diesjährigen Tourenwoche. Die erste halbe Stunde schnaufen wir an der Staumauer bis zu deren Krone hoch, um dann den weiteren Weg am See entlang im Nebel verschwinden zu sehen.

Der Weg am Lac des Dix ist zwar flach, zieht sich aber im Regen. Nach mehr als anderthalb Stunden sind wir am Ende des Sees. Hier stellen wir uns erst mal in einer Felsnische unter, denn es hört mit Langsamregnen auf. Nach dem Lac des Dix geht’s dann stetig bergan. Der Nebel wird immer dichter.

Doch nach insgesamt 4 Stunden ist es geschafft, durchnässt kommen wir in der Cabanne des Dix (2.928 m) an, um nach dem „westalpinen Standardrüffel für Nicht-Reservierung“ doch ein Lager für die nächsten zwei Nächte zu erhalten. Andere Länder - andere Sitten: zwei Wochen vorher hatte ich mir noch bei vier Ötztaler Hütten die „ostalpine Unverständniserklärung: wir reservieren generell nicht“ abgeholt.

La Luette (3.548 m), Mittagsschlaf für die Höhenanpassung

Am nächsten Morgen hat es bis ca. 3.000 m heruntergeschneit. Aber durch den Nebel kann man schon den blauen Himmel sehen. Unsere „Schönwetterperiodenoptimierung“ scheint aufzugehen, die näch­sten Tage werden bestes Hochtourenwetter bringen. Wir haben das „Spätaufsteherfrüfstück“ um 7:00 Uhr genommen, da unser Ziel heute eigentlich nur eine Halbtagestour ist. Über flache Moränenhänge und einen ebenso flachen Gletscher geht es in 2 Stunden gemütlich zum Gipfel. Oben machen wir eine ausgedehnte Gipfelrast mit Mittagsschlaf. Das zeitliche Verhältnis von Auf- und Abstieg zu Gipfelrast und -schlaf reduziert sich somit auf ein angenehmes Unentschieden. Vom Gipfel hat man einen eindrucksvollen Blick auf die Nordabbrüche unserer geplanten nächsten Ziele: Montblanc de Cheilon und La Ruinette. Im Osten das Matterhorn, das von hier an den Kölner Dom erinnert: der Gipfel sind die Türme und die Schulter des Pic Tyndall das Domschiff. Abends auf der Hütte verlängern wir unseren Aufenthalt um eine Nacht, was das Verhältnis Bergsteiger - Hüttenwirt wesentlich verbessert. Dass es hier vor jedem Abendessen einen Walliser Fendant auf Kosten des Hauses als Aperitif gibt, ist noch eine angenehme Zugabe.

Über luftige Gratgendarmen auf den Montblanc de Cheilon (3.870 m)

Montblanc de Cheilon: links O-Grat, rechts Normalweg

Heute wollen wir den Ostgrat auf den Montblanc der Cheilon machen, dass heißt „Frühaufsteher­frühstück“ um 4:30 Uhr; naja, für Westalpen sehr annehmbar. Die Verhältnisse scheinen gut zu sein, der Fels ist nach dem gestrigen Schönwettertag wohl wieder aper. Anfangs geht’s der langen Bergstei­gerschlange, die sich zur bekannten Pigne d’Arolla aufmacht, hinterher. Nach dem Anseilen sind wir dann plötzlich am Anfang des großen Pulks. Der Gletscher zieht hier steil hoch, um auf ca. 3.400 m auf einem Plateau anzukommen. Hier verlassen wir den allgemeinen Treck und biegen rechts nach Westen ab, Richtung Col de Serpentine (3.547 m), am Beginn des Grates. Der erste Teil führt über eine steile Schneeflanke auf einen waagerechten, breiten Schneegrat, der alsbald zum Felsteil führt (ca. 3.800 m).

Hier wechseln wir von der Eis- auf Felsausrüstung: Steigeisen und Pickel am Rucksack verstauen, Schlingen, Expressen und Camelots an den Hüftgurt. Am kurzen Seil geht’s weiter zu einer Abseilstelle. Unten angekommen sieht man gleich, dass die Umgehung nach dem Führer wohl schneller gewesen wäre. Aber nach der Vielzahl der Abseilschlingen zu urteilen, waren wir hier nicht die ersten, die hier abgeseilt haben.

Danach geht es zum ersten Gendarm. Dieser ist nicht sehr schwierig, aber steil, schmal und ausgesetzt, beherztes Weitergehen ist hier gefragt. Nach Auskünften sind hier wohl schon einige Seilschaften umgekehrt. Der trockene und warme Fels erleichtert allerdings die Sache. Einzig eine Bergführerseilschaft, eine von zwei weiteren Seilschaften am Grat, muss hier am laufenden Seil überholen. Nach dem zweiten Gendarm wird das Gelände wieder einfacher, so dass auch wir wieder am laufenden Seil weitergehen.

Ab hier zieht der Grat über angenehm zu kletterndes Gelände steil zum Gipfel. Die letzten 20 Meter sind dann noch mal ein Kletter-Schmankerl: über besten Fels mit Riss, Kamin und Platte geht’s auf den Gipfel.

Trotz unseres zügigen Tempos ist das Gros der Normalweggeher bereits wieder auf den Abstieg. Auch wir machen nur kurze Rast und steigen auf dem direkten Weg zum Col de Cheilon (3.237 m) ab. Es handelt sich hierbei nicht um den leichtesten Normalweg: der Gletscher ist anfangs steil und der anschließende Felsrücken ist mit Felskletterei verbunden. Der eigentliche Normalweg verläuft im weiten Bogen über den Glacier du Giétro zum Col de Cheilon. Vom Col de Cheilon schlendern wir gemütlich und über flaches Gelände zurück zur Hütte.

Am Nachmittag, gemütlich auf der Hüttenterasse in der Sonne sitzend, entschließen wir uns das mor­gige Ziel, La Ruinette, auch wieder als Tagestour von der Cabanne des Dix zu unternehmen. Wir verlängern unseren Aufenthalt deshalb noch mal um zwei Nächte, sehr zur Freude des Hüttenwirts. Zu unserer Freude gibt’s wieder einen Fendant.

La Ruinette (3.875 m), einsam auf den Gruppenhöchsten

Nach dem „Frühaufsteherfrühstück“ geht’s anfangs gemütlich, diesmal in der langen Bergsteigerschlange zum Normalweg des Montblanc de Cheilon, wieder zum Col de Cheilon. Ab dem Col de Cheilon ist neben uns aber nur noch eine weitere Bergführerseilschaft in Richtung Col du Mont Rouge unterwegs, alle anderen zweigen hier links ab zum Montblanc de Cheilon. Die Querung zum Col du Mont Rouge verläuft über den absolut waagerechten Glacier du Giétro. Am Col du Mont Rouge verlässt auch diese Seilschaft unseren Weg - sie steigt direkt durch die Nordflanke zur La Ruinette auf. Alle Achtung, ein Bergführer mit drei Gästen auf einer Route, die in keinem Führer steht! Auch wir überlegen kurz, da der Weiterweg nicht verlockend aussieht: in einem weiten Bogen mit rd. 300 m Höhenverlust, zieht der Weg noch weit am Gipfel vorbei, um auf den Normalweg von der Cabanne de Chanrion zu treffen.

Aber links unten entdecken wir ein Schneefeld das in ca. 1/3 der Wegstecke steil zum Normalweg führt. Kurzentschlossen versuchen wir die Variante, die auch in keinem Führer steht. Das Schneefeld erweist sich als sehr steil und geht weiter oben in unangenehmen Steilschutt über. Schließlich erreichen wir aber den Normalweg.

Durch Schrofengelände und über eine schöne kurze Kletterstufe erreichen schließlich den Glacier de la Ruinette, von dem wir erstmals den Gipfel von Süden und die Bergführer Seilschaft kurz vor dem Gipfel sehen. Nach dem flachen Glacier de la Ruinette bereitet auch der Gipfelgrat keine Schwierigkeiten mehr: nur eine Stelle ist etwas knifflig, sie werden wir im Abstieg wieder abseilen. Am Gipfel angekommen sind wir die einzigen Gäste. An diesem Tag waren mit uns nur noch zwei weitere Seilschaften an der Ruinette unterwegs.

Der Abstieg zurück zur Hütte gestaltet sich aufgrund der verwickelten Routenführung nicht viel kürzer, so dass wir erst am späten Nachmittag, aber rechtzeitig für den Fendant, wieder auf der Hütte sind.

Abstieg

Der Abstieg am nächsten Tag, natürlich erst nach dem „Spätaufsteherfrühstück“, erfolgt bei bestem Wetter. Gemütlich trotten wir am langen Lac des Dix entlang. Gesprächsstoff haben wir aufgrund der vergangenen Tage sowie der potenziellen, in die nächsten Jahren noch zu erkundenden weißen Flecken genug.

 

La Luette

Montblanc de Cheilon

La Ruinette

Höhe

3.548 m

3.870 m

3.875 m

Aufstieg

Normalweg

F

insgesamt rd. 600 hM

2,0 h

Ostgrat

AD

insgesamt rd. 1.000 hM

2,5 h (zzgl. 2,5 h Zustieg)

Normalweg

PD

insgesamt rd. 1.400 hM

5,5 h

Abstieg

wie Aufstieg

1,5 h

über den Normalanstieg

2,5 h

wie Aufstieg

4,5 h

Charakter

Leichter, kurzer Eingehgipfel

Kurzweilige, nicht zu lange, kombinierte Tour, die alles bietet: Gletscher, Eisflanke und -grat sowie Felsgrat

Von der Cabanne de Dix lange, etwas verwickelte Tour auf den einsamen Gruppenhöchsten

                                       

Alle Angaben ohne Gewähr 

 

Bilder: Stephan Mertens und Rainer Eckenberger
Text: Stephan Mertens