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Badile Nordkante – Man ist nicht allein

Als ich den Badile das erste Mal mit seiner gewaltigen Nordwand und seiner scharfen Nordkante sah - das obere Viertel des schwarzen Klotzes leicht eingezuckert - habe ich mir gedacht, da werde ich nie raufklettern.

Ein Jahr später bekomme ich ihn wieder zu Gesicht und denke mir beim Studium der Führer, dass  die Nordkante, eine ewig lange Tour meist im 4. Grad mit einer 5a+-Stelle, vielleicht doch machbar ist. Noch einmal ein Jahr später kündigt sich für meinen Kletterurlaub zusammen mit Bernd eine super Wetterlage an, ideale Bedingungen für den Badile.

Sollen wir es wagen? Es ist eine große Herausforderung, da wir unser gesamtes Gepäck mit durch die Tour nehmen müssen, denn wir wollen nach Süden absteigen, abseilen über die Route kommt für uns bei über 20 Seillängen nicht in Frage. Bin ich fit genug diese lange Tour durchzustehen?

O.K. wir probieren es und ab geht’s. Bernd und ich fahren wieder ins geliebte Bergell und steigen auf die Sass Furà Hütte auf. Am nächsten Tag verlassen wir noch in der Dunkelheit die Hütte und sind nach einer Stunde im Morgengrauen am Einstieg. Obwohl einige Leute direkt am Einstieg biwakieren, sind wir die dritte Seilschaft die einsteigen.

Die erste Seillänge gehen wir noch seilfrei, in der zweiten ist es aber doch angenehmer über eine Platte (4a) am Seil gesichert zu sein, so dass wir ab hier im Wechselvorstieg weiterklettern.

Es folgt Genusskletterei im festen Granit, immer der Kante entlang. Die Badile Nordkante ist zu Recht die schönste Gratkletterei der Westalpen.

Sie ist gut abgesichert, die Stände sind bis kurz vor dem Vorgipfel mit Muniringen ausgestattet. Die hat übrigens Bobi Götte gesetzt, den wir in der Tour kennen gelernt haben. Bobi's Seilschaft und wir sind bei dem Superwetter nicht die einzigen in der Tour, es ist viel Betrieb und viele Seilschaften klettern parallel. So ist ein Schotte anfangs immer wieder in unsere Seillängen gezogen, allerdings war seine Partnerin nicht so schnell, so dass wir sie bald abgehängt haben.

Die Schlüsselseillänge befindet sich an einer Ausweichstelle eines Felsbruchs, der sich vor einigen Jahren ereignet hat. Man quert direkt vom Stand über eine Platte (5a+). Sie ist mit zwei Bohrhaken gut abgesichert. Weiter geht es an der Nordkante. Interessant ist auch noch eine spiegelblanke Platte, die von einigen Rissen durchschnitten wird, so dass sie doch recht einfach zu bewältigen ist.

In den letzten Seillängen merke ich doch ein wenig die Höhe in der wir klettern. Ich mache die Tour ja fast direkt vom Bürostuhl weg.

 

 

 

Nach 23 Seillängen sind wir endlich am Gipfel auf 3308 m.

Dort können wir die Aussicht nach Norden genießen, von Süden zieht Nebel auf, der die Sicht versperrt.

Den Gipfel hatten wir einige Zeit für uns allein, allerdings zeugt eine Unmenge von Müll in den Felsspalten von den vielen Leuten, die schon hier waren. O.K. ich kann zwar verstehen, wenn einem z.B. mal ein Reepschnürl in eine Ritze fällt, ansonsten nehmt doch bitt’ schön euren Müll wieder mit ins Tal!

Beim Abstieg zur Gianetti Hütte sollte man darauf achten, nicht nach Westen in eine Verschneidung abzuseilen, schon mehrfach habe ich gehört, dass das ein schlechter Abstieg ist.

Angekommen auf der Gianetti Hütte in Italien haben wir gleich noch zwei Klettertage angehängt, da wir auch hier im südlichen Bergell in einem herrlichen Klettergebiet sind.

Die Absicherung ist allerdings nicht ganz so gut wie in den Schweizer Plaisirtouren, außerdem hat auch in Italien der Hakenkrieg unter den Kletterern gewütet und so sind aus mancher sanierten Tour die Bohrhaken wieder herausgesägt worden.

Am dritten Tag geht es über den Postcellizao Pass zurück in die  Schweiz zur Sass Furà Hütte und weiter zurück nach Deutschland. Die Badile Nordkante ist eine super Tour und eine der schönsten Kantenklettereien der Alpen. Unterschätzen darf man sie mit ihren 1000 Klettermetern und 23 Seillängen nicht, es wird auch regelmäßig in der Tour biwakiert, besonders wenn die Seilschaft wieder über die Tour abseilt, was ich nicht empfehle. Da ist der Abstieg zur Gianetti Hütte doch wesentlich angenehmer, man kann ja noch ein paar Touren dranhängen wenn man schon mal im südlichen Bergell ist.

Steckbrief: Piz Badile (3308m) - Nordkante

Stützpunkt:
Sas-Furä-Hütte, 1904 m ca. 2 Std. von Laret aus;

Schwierigkeit:
5a+; meist aber leichter;

Abstieg:
Zu empfehlen ist der Abstieg über die Südseite des Piz Badile zum Rifugio Gianetti (ca. 3-4 Std.). Von dort über den Porcellizzo und Trubinasca Pass zurück zur Sass Furá Hütte (ca. 4 - 5 Std.).
Wegen der Länge und der schwierigen Orientierung ist ein Abseilen über die Nordkante nicht zu empfehlen.

Bemerkung:
Eine Traumtour in Granit, auch wenn der Andrang manchmal stark ist.
Kletterzeit: 5 – 7h
Ein paar Klemmkeile und mittlere Friends können in der Tour nützlich sein.
Die Standplätze der Route sind mit großen Ringhaken ausgestattet. Innerhalb der einzelnen Seillängen sind einige Bohrhaken vorhanden. Trotzdem bleibt die Tour aber alpin abgesichert.

Literatur:
Pause, Walter. Klettern, Band 2, Im schweren Fels: BLV Verlagsgesellschaft mbH; 1985
von Känel, Jürg. Schweiz - Plaisir Sud. Schweiz – Reichenbach: Editon Filidor, 2003;
Nigg, Paul. Bergell, Gebietsführer. 7. Aufl. München: Bergverlag Rother GmbH, 2004;
Meier, Ruedi; Alig Peter. Alpinführer Bündner Alpen 4, Südliches Bergell – Disgrazia: SAC-Verlag, 2006
Sertori, Mario. Lisignoli, Guido. Nichts als Granit. Mailand: Versante Sud, 2007

Alle Angaben ohne Gewähr

Text: Heiko Fibranz

Bilder: Bernd Hetzel und Heiko Fibranz