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Ab in den Süden – Monte Viso

Das Buch „Klassische Alpengipfel“ von Pause dient dem alten Bergsteiger um zufrieden auf das Erreichte zurückzublicken, dem Jungen hingegen definiert es das Aufgabenprogramm der nächsten 40 Jahre. Wenn er es von vorne durchblättert, steht an Nummer 1 ein Gipfel namens Argentera (3.297 m) und an Nummer 2 der Monte Viso (3.841 m). Beide eher unbekannt und mit nicht besonders attraktiven Bildern illustriert, zudem gefolgt von den bedeutenden Viertausendern der Schweizer und den bekannten Dreitausendern der Österreichischen Alpen. Also vergisst man den Monte Viso am besten schnell wieder, damit man sich auf das Pflichtprogramm der bedeutenden und bekannten Drei- und Viertausender konzentrieren kann.

Herbst 2002:
Aufstieg zum Monte San Primo, mit 1.686 m der höchste Punkt zwischen den beiden südlichen Armen des Comersees, bei dem für den Herbst typischen glasklaren Wetter. Die Sicht vom Gipfel ist phantastisch, in der Poebene kann man Straßen und Flüsse scharf erkennen, in Mailand einzelne Gebäude sehen und die Gipfel des Apennins eindeutig ausmachen. Im Westen die Walliser Alpen sowie der nach Süden ziehende Alpenbogen. Und ein einzeln stehender pyramidenförmiger Gipfel, östlich vom Alpenbogen abgesetzt, das müsste der Monte Viso sein.

Sommer 2005:
Nach dem extremen Regen im August bleibt Rainer und mir nur der Aufstieg von Süden, Greysonney, in die Walliser Alpen. Von Castor und Pollux sehen wir diese einzeln stehende Pyramide. Naja, nachdem wir in den letzten Jahren einige Pflicht-Drei- und -Viertausender erledigt haben, sollte man doch mal vielleicht irgendwann diesen Berg ins Programm nehmen.

Die Südwand des Monte Viso

Sommer 2007:
Nee, Ziel für die gemeinsame Tourenwoche mit Rainer sind doch mal wieder die Walliser Alpen. Es gibt dort immer noch zu viele Gipfel, die abgehakt werden müssen; und was soll man denn zuhause erzählen, wenn man Nonames erstiegen hat? Nach drei schönen Tourentagen im Wallis steigen wir in unsere Pension nach Herbriggen ab, es kündigt sich Schlechtwetter an. Der schöne Sommer scheint vorbei zu sein; auch das stündliche Abfragen des Wetters auf verschiedenen Adressen im Internet verbessert das Wetter nicht. Es ziehen bei allen Wetteradressen nur immer wieder neue Fronten von Nordwesten gegen die Alpen.
Also was tun? Einen Tag haben wir schon in Zermatt beim Sportgeschäfte sight-seeing verbracht. Noch ein solcher Tag würde einen schweren Einschlag in unser Portemonnaie zur Folge haben – „Frustsoftshelljackenkauf“. Unsere Wetteranalyse hat zum Ergebnis, dass in den folgenden Tagen bis auf den äußersten Südwesten, der gesamte Alpenraum unter beständigen Schneefall bzw. Regen liegt. Also doch mal in den äußersten Süden fahren? Was gibt es denn da? Dauphine und … der Monte Viso! Unter der Devise je weiter südlich desto besser, entschließen wir uns am nächsten Tag zum Monte Viso aufzubrechen.

Am nächsten Tag schnurrt Rainers nicht mehr junger Astra bei mehr oder minder starken Regen über den Simplon, dann über spaghettigerade Autobahnen in der Poebene und durch sämtliche Autobahnmautstationen rund um Turin gen Süden. Nach einem letzten Gewitterschauer sind wir auf der Landstraße Richtung Westen. Vor uns die piemontesischen Alpen und der Monte Viso als einzeln stehender Berg, doppelt so hoch wie alles andere in seiner Umgebung. Kein Wunder das er bei den Römern, unter dem Namen Vesulu, als höchster Berg der Alpen galt.

Rifugio Pain de Re (2040m)

In den Bergen werden die Straßen immer schmäler. Nicht-italienische Autos gibt es schon lange nicht mehr. In der letzten Ortschaft, Crissolo, besorgen wir uns noch eine Karte von dem Gebiet. Die Fahrt endet erst auf rund 2.000 Meter Höhe auf dem Pian de Re. Dort steht eine typische italienische Hütte, von außen nicht sehr einladend, aber zur Halbpension gehört ein astreines Vier-Gänge-Menü. Abends erkunden wir noch die Quelle des Po, der auf dem Pian de Re entspringt.

Am nächsten Tag nehmen wir nicht den direkten Weg zur Ausgangsütte für den Monte Viso, Rifugio Quintino Sella (2.640 m), sondern nehmen noch einen kleinen Dreitausender mit (Punta Venezia, 3.099 m; leicht, aber auf den letzten drei Metern steckt durchaus mit Recht ein Bohrhaken). Die Gipfel sind ziemlich schroff und wir erkennen einige, auf den ersten Blick lohnende, Klettertouren. Dann queren wir unter der Nordwand des Monte Viso zur Hütte. Auch hier ist die klassische Eistour in der Nordwand -wenn es eine bekannte Tour im deutschsprachigen Raum hier gibt, dann diese- in der unteren Hälfte völlig ausgeapert.

Rifugio Quintino Sella (2640m) - Im Hintergrund der Monte Viso

Kurz vor der Hütte werden wir, im Bewusstsein nicht reserviert zu haben, immer schneller. Einige Partien überholen wir, aber an der Hütte angekommen, erfahren wir, dass diese völlig ausgebucht ist. Die Hütte gehört zum Giro del Monviso, eine Wandertour, die in zwei bis vier Tagen das Monte Viso-Massiv umrundet und offensichtlich bei Italienern und Franzosen sehr beliebt ist. Schon darauf eingestellt die Nacht auf den Bänken oder im Hüttenzelt neben der Hütte zu verbringen, eröffnet uns die Hüttenwirtin kurz vor der Hüttenruhe: „You have luck, two beds are free.“.

Tropf, tropf, tropf, das Geräusch, das man vor seiner Tour nicht hören will, weckt mich. Rainer war schon wach und sagt, dass draußen 15 cm Neuschnee liegt und wir die Tour vergessen können. Verärgert stehe ich auch auf, sehe das Desaster draußen, einige Partien machen sich trotzdem fertig, um nach ca. einer Stunde rumdrucksen doch wieder ins Lager zu steigen. Am nächsten morgen ist alles weiß und wir entscheiden uns abzusteigen, nachdem ein einheimischer Führer sagt, dass der Monte Viso erst frühestens in einer Woche wieder ginge. Beim Abstieg stolpern wir über ein tief verschneites Blockfeld noch auf einen weiteren Dreitausender, worauf Rainer meint, ich wäre ein Gipfelsammler (Viso Mozzo, 3.018 m, der Name ist Programm). Irgendwie sind wir beide mit der Gesamtsituation nicht zufrieden. Aber schon fast wieder beim Auto bemerken wir, dass der Schnee unmerklich weggetaut ist. Also Pause und warten, rumdiskutieren, warten, diskutieren … ach die Autofahrt hierhin ist doch so weit … wann kommen wir mal wieder hier hin … einen Tag können wir doch noch abwarten. Schließlich steigen doch wieder hoch auf die Hütte, erfahren dort wieder, dass kein Lager mehr frei ist, erkunden den Einstieg für den nächsten Tag, sonnen uns vor der Hütte, und erfahren wieder, dass wir luck haben und two beds free sind.

Aufstieg

Am nächsten morgen um vier Uhr heißt es aufstehen. Die Verhältnisse scheinen gut zu sein und wir stolpern bei Neumond durch stockfinstere Nacht. Zu Anfang überholen wir einige Seilschaften, steigen in der rechten Begrenzungswand eine mit Ketten versicherte Rinne hoch, um dann in einer Scharte angekommen beim ersten Sonnenlicht die Monte Viso Südflanke, den Aufstieg, zu sehen.

Nach einer Biwakschachtel beginnt die Südflanke, die trotz der Beschreibung als Schotterhatscher, sich als anregender Anstieg im Fels entpuppt. Der Weg ist in der unübersichtlichen Flanke auch nicht zu verfehlen, da die gelben Markierungen im Fünf-Meter-Abstand erfolgen. Kurze leichte Kletterpassagen wechseln sich immer wieder mit leichteren Passagen ab. Nach oben wird der Anstieg immer verschneiter, was den Anstieg zusätzlich interessant macht. Allerdings mit F+, wie in einem italienischen Führer geschrieben, hat das wenig zu tun.
Die Schwierigkeiten sind eher wie die interessanteren Passagen am Piz Buin und der Anstieg ist erheblich länger.

Blick in die Po-Ebene
Kurz vor dem Gipfel

Nach fünf Stunden Aufstieg sind wir schließlich oben. Klarstes Wetter, eiskalter Wind und keine Menschenseele. Von den vielen gestarteten Partien ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Das Panorama ist bestens aber ungewohnt: Montblanc und Walliser Alpen im Norden, die Poebene im Osten und im Nordwesten Dauphine und Vanoise. Südöstlich zieht der Apennin weg. Nach uns kommen dann doch noch zwei Führerpartien hoch. Beim Abstieg in der Südflanke treffen wir einige Seilschaften, die aber erstaunlich langsam sind. Ob diese noch bis zum Gipfel kommen?

Nach neun Stunden sind wir wieder auf der Hütte, essen noch mal ausgiebig Pasta und rennen danach zum Auto hinunter. Um fünf Uhr starten wir schließlich um nach einer Nonstop-Fahrt um drei Uhr nachts, nach 23 Stunden, bei mir ins Bett bzw. auf die Luftmatratze zu fallen.

Steckbrief Monte Viso:

Höhe: 3841m

Lage: Noch weiter südlich wie Turin, im italienisch-französischen Grenzkamm; am Fuß entspringt der Po.

Anfahrt: Von Turin die Autostrada Richtung Savona bis Savigliano, dann auf Landstraße ins Valle di Po und nach Crissolo; steil hinauf zum Pian de Re (ca. 2.000 m). Ab Turin bei schönem Wetter nicht zu verfehlen, da der Monte Viso schon auszumachen ist.

Tour: Pian de Re – Rifugio Quintino Sella (620 hm, ca. 2,5 h); Rifugio Quintino Sella – Gipfel (1.200 hm, ca. 5,5 h); kein Gletscher, leichter Fels (wenige Stellen II).

Literatur: Bestimmt, wenn man italienisch kann; ansonsten:
Pause: „ Klassische Alpengipfel“.
Alpenvereinsjahrbuch 2008; Zeitschrift Band 132.

Sonstiges: Allein am Monte Viso soll es um die 50 Touren geben, viele davon im leichten Fels; am bekanntesten wohl noch die Nordwand mit dem Coolidge-Couloir, bis 550, 1.300 hm (vgl. Vanis: „Im steilen Eis“) Daneben sind an den Trabanten wohl einige Klettereien vorhanden (z.B. Punta Udine, Punta Venezia).

 

Text: Stephan Mertens
Bilder: Rainer Eckenberger