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Ortler: "Weil er eben da ist" - Ostalpen 2004

 

1804 standen zum ersten Male Alpinisten auf dem König der Ostalpen. Wir folgten ihren Spuren 200 Jahre später. Damals war es ein nationales Prestige, den höchsten Gipfel der Monarchie „zu erobern“. Heute geht man auf ihn, „weil er eben da ist“.

Die Payerhütte ist erreicht

Mit einer Meereshöhe von 3020m ist die Payerhütte der ideale Ausgangspunkt für den Gipfelanstieg über den Normalweg. Möchte man allerdings in der Hauptsaison in einem Bett auf der Hütte nächtigen, sollte unbedingt reserviert werden. Ansonsten bleibt nur das normale Lager bzw. das Notlager.

Tschirfeckwandl

Bereits um 4:30 Uhr saßen Heike und ich am Frühstückstisch. Während Heike Mühe hatte sich ihrer Esswaren zu bemächtigen, konnte ich hierbei tatkräftig Unterstützung leisten. So gestärkt sahen wir mehr oder weniger gelassen dem Aufstieg entgegen.
Zu Beginn leitet uns ein Fußpfad über Geröllgelände zur ersten Kletterstelle, dem Tschirfeckwandl.
Dieses senkrechte Wandl bietet Kletterschwierigkeiten im dritten Grad. Zur allgemeinen Nervenberuhigung ist die Wandstelle mit einer soliden Eisenkette ausgesichert, die bei der Überwindung der Wandstufe zusätzliche Sicherheit bietet. Allerdings sollte man bei der Bewältigung der Klippe auf Steinschlag achten, den eventuell vorausgehende Seilschaften auslösen können – ein Helm wäre hier angebracht

Aufstieg Richtung Bärenloch

Oben leitete uns ein Grat weiter, bis eine überhängende Wandstufe unseren Aufwärtsdrang bremste. Mit Hilfe zweier Normalhaken wurde diese ausgesetzte Kletterstelle schnell überwunden. Der größte Teil der Felskraxelei lag jetzt hinter uns, es folgte Eis und Schnee. Mittels Pickel uns Steigeisen bewegten wir uns über das Bärenloch in Richtung Biwakschachtel am Tschirfeck.

Rast auf dem Tschirfeck
Den Gipfel vor Augen

Nun wurde es steiler. Ein ca. 40-Grad-Eisaufschwung stellte sich uns in den Weg. Gott sei Dank fanden wir Anfang August 04 eine gut ausgetretene Spur vor, die den Aufstieg etwas erleichterte und bald standen wir auf dem Oberen Platt. Ab hier mussten Heike und ich keine steilen Aufschwünge mehr überwinden, jedoch verlangsamt sich, auf Grund der dünnen Luft, die Schrittgeschwindigkeit merklich.

On the top - 3905m

Endlich, nach ca. 4 Stunden Gehzeit betraten wir den Gipfel. Ötztaler im Norden, Bernina im Westen oder Persanella / Adamello im Südosten, von 3905m Meereshöhe entfaltete sich um uns die gesamte Bergwelt der Ostalpen und zu recht trägt der Ortler die Beinamen „König der Ostalpen“.

Ein Blick zurück - es ist überstanden

Gipfelrast, Energie- und Flüssigkeitsspeicher aufgefüllt und flugs trieb uns die Kälte nach unten. Jetzt galt es noch einmal äußerst konzentriert zu Werke zu gehen. Besonders in den Felspassagen kann ein kleiner Flüchtigkeitsfehler fatale Folgen haben und mehrere hundert Meter tiefer in der Ortler-Norwand tödlich enden.
Kurz gesagt, wir kamen auf der Payerhütte wohlbehalten an, packten dort unsere deponierten Sachen wieder ein und stiegen zur ruhigeren und gemütlicheren Tabaretta-Hütte ab.

Text und Bilder: Bernd Hetzel