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Dent de Geant, der Riesenzahn - Klettern in 4000 Meter Höhe

Frühstücksplatz
Mont Blanc

 

Jetzt sitze ich hier am Frühstückplatz am Dent de Geant oder Dente del Gigante oder eben Riesenzahn und ziehe erstmal alle meine Pullover, Jacken und Handschuhe an sowie eine Mütze unter dem Helm. Mir ist kalt, obwohl die Sonne (noch) scheint und ich gerade den Anstieg vom Rifugio Torino heraufgekommen bin. Der Aufstieg war dieses Mal viel mühsamer, wie bei den ersten beiden Malen als ich hier war. Es scheint wohl doch einen Unterschied zu geben, ob man eine Tour in der ersten Woche des Urlaubs oder in der letzten macht.

Dent de Geant 4013 m im Morgenlicht

Trotzdem: eigentlich war es wieder phantastisch, wie beim Aufstieg die ersten Sonnenstrahlen den Montblanc erreichten, langsam die Brenvaflanke erst rosa, dann gelb und schließlich weiß leuchtete und wie der rote Granit der Riesenpfeiler und Trabanten am Montblanc du Tacul erwachte, wo wir gestern waren.

Erste Seillänge

Doch nun geht es los, ohne Rucksack, aber mit allen Klamotten am Körper, stellen wir uns in die Reihe, die heute den Dent de Geant besteigen wollen. Gleich auf den ersten Metern geht es auch schon richtig zur Sache: ausgesetzt, im Schatten und senkrecht zum ersten Standplatz, der recht eng ist. Danach um eine Ecke und in einer leichten Verschneidung weiter in zwei Seillängen zum Beginn der berühmten Burgener-Platten, die durch dicke Taue entschärft sind.

Burgener Platten

Sind in der Verschneidung schon drei Seilschaften parallel geklettert, stehen wir nun hier in den Startlöchern wie bei einem 100m-Lauf. Vor uns, in der ersten Seillänge der Burgener-Platten, eine langsame Dreierseilschaft, an der sich gerade zwei Bergführer-Seilschaften vorbeigemogelt haben, unten auf dem Band eine finnische Seilschaft, wir und eine italienische Seilschaft, die gerade hochgekommen ist. Also los, dann auch wir, bevor wir an jedem Standplatz stundenlang warten müssen, ziehen wir auch vorbei. Leider müssen wir aber aufgrund des Überholmanövers sowie der Kälte (mittlerweile ist der Himmel bedeckt) die dicken Taue benutzen, die die Burgener-Platten erleichtern.

Vorgipfel

Danach macht das Klettern aber wieder Spaß, zügig können wir unseren Rhythmus gehen. Über eine schöne Platte mit Leisten folgt ein lang ansteigender Quergang mit wunderbaren Riesenschuppen, der den Abschluss der Burgener-Platten bildet. Der folgende leicht überhängende Riss ist anstrengend. Danach geht es am schmalen Grat zum Vorgipfel. Der Übergang zum Madonnen-Gipfel ist dann leicht. Yeah, endlich auf dem Dent de Geant! Zweimal bin ich schon unten an diesem Riesenzahn auf dem Rochefortgrat vorbei geschlichen, nun hat es endlich geklappt.

Am Gipfel des Dent de Geant 4013 m
Im Hintergrund die Grandes Jorasses.
Links unterhalb des Vorgipfels ist die Abseilstelle zu erkennen.

Unsere Bedenken wie wir herunterkommen zerschlagen sich nun auch. Statt wie im Führer beschrieben, über die Aufstiegsroute wieder abzuklettern bzw. abzuseilen, gibt es wohl eine Abseilpiste durch die Südwand. Mit unseren bescheidenen französisch/italienisch/englisch-Kenntnissen erfahren wir, dass man drei Mal 50 Meter abseilen muss, um direkt am Frühstücksplatz wieder anzukommen. Die Abseilerei entpuppt sich als sehr steil und nicht einfach. Den zweiten Stand erreicht man nur durch leichtes schrägabseilen und dann immer noch ca. 10 Meter rechts neben dem Stand. Der dritte Stand ist sehr klein und exakt 50 Meter tiefer auf einer griff- und trittlosen Platte; es ist nur eine gute Leiste für zwei Personen vorhanden. Mit meinem 50-Meter-Seil reichte es gerade mit Seildehnung.

Rifugio Torino 3371 m

Unten angekommen, fängt es leicht an zu graupeln. Ich bin froh, nicht mehr oben zu sein. Die überholte Seilschaft hat erst gut die Hälfte des Anstiegs hinter sich gebracht.

Der Rückweg zur Hütte ist dann problemlos, nur eben diese verflixte erste Urlaubswoche macht mir zu schaffen. Beim leichten Gegenanstieg zur Hütte bin so dynamisch wie ein Trabbi am Hienberg.

Steckbrief Dent de Geant (4013 m), Normalweg (Burgener-Platten)

Schwierigkeit:
Laut Alpenvereinsführer AD, aber nur wenn man die reichlich vorhandenen Taue benutzt, ansonsten bei freier Kletterei D (und wohl bis Schwierigkeitsgrad UIAA V); ausnahmslos hervorragender Fels.

Abstieg:
Der im Alpenvereinsführer beschriebene Abstieg über die Aufstiegsroute ist nicht erforderlich, üblich und auch nicht sinnvoll, da in der Regel noch weitere Seilschaften auf der Aufstiegsroute unterwegs sind. Deshalb besser über die Südwand abseilen (Beginn: unter dem Vorgipfel). Achtung: steil und anspruchsvoll; mindestens 50-Meter-Doppelseil erforderlich.

Bemerkung:
Für einen 4000-er ein wirklich steiler Zahn. Zwar haben wir „nur“ den Normalweg gemacht, aber es ist ein Viertausender, der erklettert werden muss. Bei dem aber leider erst spät die Sonne in die Route kommt; davor schattig, evtl. windig der Einstieg ist halt knapp unter der 4000-Meter-Grenze. Als wir dort waren, Anfang August, kam die Sonne erst am Nachmittag in die Tour. Andererseits ist die Kletterei nicht übermäßig lang und der Zustieg auch annehmbar (nur ca. 700 hm ).

Literatur:
Eberlein, Hartmut. Mont-Blanc-Gruppe. 10. Aufl. München: Bergverlag Rother GmbH, 2005
Goedeke, Richard. 4000er, Die Normalrouten auf alle Viertausender in den Alpen. 12. Aufl. München: Bruckmann Verlag GmbH, 2008

Text: Stephan Mertens
Bilder: Stephan Mertens, Bernd Hetzel